Fokusanalyse

Wirtschaftsbeziehungen Russlands mit Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten

Historischer Hintergrund
Die Arabische Halbinsel war für Russland jahrhundertelang von geringer Bedeutung. Zwar unternahmen zur Zarenzeit viele im Russischen Reich lebende Muslime den Haddsch nach Mekka und Medina. Doch entwickelten sich daraus keine intensiven Wirtschaftsbeziehungen. Beide heilige Städte des Islam, die jetzt in Saudi-Arabien liegen, gehörten damals zum Osmanischen Reich.

Im Kalten Krieg war der Mittlere Osten in zwei Einflusszonen geteilt. Die Sowjetunion rivalisierte dabei mit den USA. Moskau hatte Einfluss auf Syrien, Algerien und den Irak sowie bis Anfang der 1970er Jahre auch auf Ägypten unter Präsident Gamal Abdel Nasser. Die Golf-Monarchien hingegen galten als US-amerikanisches Einflussgebiet.

Zu den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) nahm die Sowjetunion nach deren Unabhängigkeit 1971 diplomatische Beziehungen auf, zu Oman und Qatar jedoch erst 1985 bzw. 1988. Diplomatische Beziehungen zu Saudi-Arabien blieben zwischen 1938 und 1990 eingefroren, obwohl die Sowjetunion 1926 als erstes Land Saudi-Arabien anerkannt hatte.

In den vergangenen Jahren ist Russlands Rolle im Nahen Osten gewachsen. Präsident Wladimir Putin absolvierte 2007 erstmals Staatsbesuche in Riad und Abu Dhabi, den Hauptstädten Saudi-Arabiens und der VAE. Der russische Staatschef unterhält eine enge persönliche Beziehung zum saudischen Kronprinz Mohammed bin Salman al-Saud. Der Kronprinz kam 2017 erstmals zu einem Staatsbesuch nach Moskau.

Russland baute zugleich seine Beziehungen mit Katar aus. Das Land war zwischen 2017 und 2021 einer Wirtschaftsblockade von Seiten Saudi-Arabiens, der VAE, Bahrains und Ägyptens ausgesetzt.

Wirtschaftliche Interessen brachten eine Wende. Seit 2017 und insbesondere seit dem virtuellen Krisengipfel der Organisation erdölexportierender Länder (OPEC) im April 2020 zu Beginn der Corona-Pandemie koordiniert Saudi-Arabien seine Ölfördermengen nicht nur mit den anderen OPEC-Staaten, sondern vermehrt auch mit Nicht-OPEC-Staaten, von denen Russland der wichtigste Ölproduzent ist.

Bei ihrem 15. BRICS-Gipfel im August 2023 einigten sich China, Indien, Brasilien, Russland und Südafrika n Johannesburg darauf, zum 1. Januar 2024 ihre Staatengruppe um sechs neue Mitglieder zu erweitern, darunter auch Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate. Vor diesem Hintergrund besuchte Russlands Präsident Wladimir Putin vergangene Woche Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate, sein erster Staatsbesuch in diesen Ländern seit 2019.
Wirtschaftliche Zusammenarbeit mit Russland Voraussetzungen und aktueller Stand

Die Ölförderländer Saudi-Arabien und die VAE sind deutlich reicher als die fünf bestehenden und die vier anderen hinzukommenden BRICS-Länder. Nach Angaben der Weltbank lag das Pro-Kopf-Bruttoinlandsprodukt in Saudi-Arabien 2022 kaufkraftbereinigt bei 59.065 US-Dollar, und damit um 62% höher als in Russland. In den VAE betrug dieser Wert sogar 87.729 US-Dollar.

Zugleich haben beide Länder deutlich weniger Einwohner als alle anderen BRICS- Mitglieder: Saudi-Arabien zählt 36,4 Millionen Einwohner, in den Emiraten sind es nur 9,4 Millionen. Die Gesamteinwohnerzahl der BRICS+ beläuft sich auf knapp 3,7 Milliarden Menschen.

Investitionen
Im Laufe des Treffens mit seinem russischen Amtskollegen Wladimir Putin am 6. Dezember bezeichnete VAE-Präsident Scheich Muhammad bin Zayid sein Land als einen der größten Investoren in Russland. Die Investitionen der Emirate in Bereiche der russischen Wirtschaft jenseits des Ölsektors hätten im Vergleich zum Vorjahr um 103% zugelegt, sagte der VAE-Staatschef, ohne absolute Zahlen zu nennen.

Folgt man den Statistiken der russischen Zentralbank, so lag der Bestand an den Direktinvestitionen der Unternehmen aus den VAE in Russland zum Stichtag 1. Januar 2022 bei 1,7 Milliarden US-Dollar. Das entspricht lediglich 0,3% des damaligen Gesamtbestandes an ausländischen Direktinvestitionen.

Laut der russischen Notenbank handelte es sich bei 81% des zum Beginn des vergangenen Jahres angesammelten Kapitals aus den VAE um Beteiligungen an Zweckgesellschaften und anderen Unternehmen. Die meisten von diesen waren vom Staatsfonds Mubadala Investment Company (MIC) mit Sitz in Abu Dhabi getätigt bzw. abgewickelt worden, deren Vorstandschef VAE-Präsident Muhammad bin Zayid ist. Im März 2022 kündigte MIC-Hauptgeschäftsführer Khaldoon Khalifa Al Mubarak eine Aussetzung der Investitionen in Russland an. Zu einer Wiederaufnahme des Russlandgeschäfts hat sich das Unternehmen seitdem nicht öffentlich geäußert.

Seit ihrem Markteintritt im Jahr 2013 hatte die MIC nach eigenen Angaben mehr als

3 Milliarden US-Dollar in ein Portfolio von 50 Infrastruktur-, Immobilien-, Rohstoff-, Bank- und Technologie-projekten in Russland investiert.

  • Dazu zählen neben 1,9% der Anteile am Petrochemie-Konzern Sibur sowie 2,6% der Anteile am Aluminiumhersteller En+ unter anderem die Erschließung einiger westsibirischer Erdölfelder von Gazprom Neft, dem im Ölbereich tätigen Tochterunternehmen von Gazprom, der internationale Flughafen Pulkowo in St. Petersburg (gemeinsam mit der Qatar Investment Authority), der Umschlagterminal für Ölprodukte Portenergo in Ust-Luga, die Fitnessstudios WorldClass und das Petersburger Einkaufszentrum Galeria.
  • Die MIC und ihr Partner Abu Dhabi Catalyst Partners erwarben im Jahr 2021 eine Beteiligung an dem von den Brüdern Nikolaj und Pawel Durow in Russland entwickelten Instant-Messaging-Dienst Telegram, dessen Betriebszentrale sich in Dubai befindet.
  • Zudem halten die MIC seit 2021 eine Beteiligung an der Online- Einzelhandelsplattform AliExpress Russia, die in der Folge ein chinesisch-russisch- arabisches Joint Venture darstellt.

Auch der saudische Staatsfonds PIF (Public Investment Fund) hat in den vergangenen Jahren in russische Unternehmen investiert. 2019 erwarb der Fonds 30,76% der Anteile an Novomet, einem Hersteller von tauchbaren Kreiselpumpen aus Perm. Den Gesamtbestand an den saudischen Direktinvestitionen weist die russische Zentralbank zum 1. Januar 2022 aber mit bescheidenen 171 Millionen US-Dollar aus.

Von russischer Seite ist an den Assets, in die MIC und der PIF investiert haben, der staatliche Direktinvestitionsfonds RDIF beteiligt. Sowohl den Fonds selbst als auch dessen Geschäftsführer Kirill Dmitrijew, der Präsident Putin kürzlich bei seinem Besuch in den VAE und Saudi-Arabien begleitete, haben westliche Staaten 2022 mit Sanktionen belegt.

Während russische Unternehmen mit Stand von Anfang 2022 laut der Zentralbank kaum in Saudi-Arabien investiert hatten, war die Lage in den VAE anders. Dort betrugen die Direktinvestitionen aus Russland zu jenem Zeitpunkt 1,9 Milliarden US-Dollar. 90% davon entfielen auf Beteiligungskapital. Da es keine nennenswerten gewerblichen Investitionen russischer Unternehmen in den VAE gibt, dürfte es sich bei diesen Investitionen überwiegend um Immobilien gehandelt haben.

Handel
VAE-Präsident Muhammad bin Zayid betonte während seines jüngsten Treffens mit Präsident Putin, dass sein Land der größte Handelspartner Russlands im Nahen Osten und in der Region um den Persischen Golf sei. Er nannte keine aktuellen Zahlen. Putin erwähnte, dass im vergangenen Jahr mehr als 900.000 russische Touristen die Emirate besucht hatten.

Nach Angaben des Wirtschaftsministeriums der VAE tauschte das Land 2022 Güter im Rekordwert von 10,8 Milliarden US-Dollar aus, 2,1-mal mehr als 2021 sowie 4,2-mal mehr als 2020. Importe aus Russland stellten im vergangenen Jahr 76% des gesamten Handels zwischen den beiden Ländern.

Techsnabexport, kurz TENEX, eine Tochtergesellschaft des russischen Kernenergiekonzerns Rosatom, liefert im Rahmen eines langfristigen Vertrags Brennstoffe für Barakah, das einzige Kernkraftwerk der VAE. Auch Lukoil Overseas, Gazprom Export, Gazprom Neft, Rosneftegazstroj, Inter RAO, Metalloinvest, MMK, VTB Capital, Kamaz und Sovkomflot sind in den VAE tätig.

22% des Handelsvolumens der Emirate mit Russland entfielen 2022 auf Reexporte, hauptsächlich über ihre zahlreichen Zollfreigebiete. Diese reexportieren nicht nur nach Russland im großen Stil: Der Anteil der Reexporte am Gesamtaußenhandel der VAE lag im vergangenen Jahr bei 18%.

Nach statistischen Angaben Saudi-Arabiens belief sich sein Handel mit Russland 2022 auf lediglich 2,2 Milliarden US-Dollar. Das war allerdings ein Anstieg um 46% gegenüber

2021. Wie schon in den vorangehenden Jahren handelte es sich dabei fast ausschließlich um russische Importe, die hauptsächlich aus Ölderivaten, Weizen, Gerste (als Tierfutter) und Düngemitteln bestanden.

Einige russische Unternehmen engagieren sich in Saudi-Arabien, darunter Lukoil Overseas, Stroytransgaz, Globalstroy Engineering, Euracore und PharmEco. In den VAE war Stroytransgaz 2007 bis 200 aktiv: Der saudische Mineralölkonzern Saudi Aramco hatte das russische Unternehmen mit dem Bau einer 217 Kilometer langen Erdölpipeline zwischen dem Shaybah-Feld und der Aufbereitungsanlage in Abqaiq beauftragt.

Quellen: BRICS 2023, Worldbank, Kremlin, Zentralbank RF 1, 2, Reuters, Mubadala, Interfax, Wirtschaftsministerium VAE, RIA, Statistikamt Saudi-Arabien, Stroytransgaz