Fokusanalyse

Fischindustrie: Viel Fang, wenig Gewinn

2025-10-24 11:30
Hintergrund

Das Geschäft in der russischen Fischindustrie rentierte sich im vergangenen Jahr deutlich weniger als im Jahr zuvor: 2024 lag der Gesamtgewinn der Fischereiunternehmen bei 137 Mrd. Rubel, umgerechnet 1,4 Mrd. Euro, im Vergleich zu 173 Mrd. im Vorjahr, umgerechnet 1,8 Mrd. Euro. 2021 hatte die Branche mit 238 Mrd. Rubel Gewinn, damals umgerechnet 2,5 Mrd. Euro, noch deutlich besser abgeschnitten. Alarmierend ist auch die hohe Verschuldung innerhalb der Branche. Der russische Verband der Fischereiunternehmen VARPE beziffert diese auf 1 Bio. Rubel, 10,5 Mrd. Euro. Der Schuldenberg ist dem Verband zufolge seit 2017 um das Fünffache gewachsen.

Der Umsatz der russischen Fischerei-Industrie betrug im vergangenen Jahr 1,08 Bio. Rubel, 11,4 Mrd. Euro, dies ist ein Anstieg von 8% zum Vorjahr, wie aus Zahlen der Föderalen Agentur für Fischerei Rosrybolowstwo hervorgeht. 2021 lag der Umsatz noch bei 808 Mrd. Rubel, 8,5 Mrd. Euro. Begünstigt wurde diese Entwicklung durch größere Fangmengen und Preissteigerungen bei einigen Fischprodukten.

Sanktionen am Haken

Die Branche ist mit einem herausfordernden Wirtschaftsumfeld konfrontiert. Im Frühjahr 2022 verhängte die EU-Kommission einen Einfuhrstopp für Meeresfrüchte, Krebstiere und Kaviar aus Russland. Der Import von Fisch fiel nicht unter die Sanktionen. Im April desselben Jahres folgte ein Einlaufverbot für Schiffe unter russischer Flagge in europäischen Häfen. Im vergangenen Jahr berichtete die „Welt“ zudem von einer neu entfachten Diskussion innerhalb der EU über ein Importverbot für russischen Frischfisch.

Ende Mai dieses Jahres sanktionierte die Europäische Union im Rahmen des 18. Sanktionspakets mit Norebo und Murman Seafood die zwei größten russischen Fischereiunternehmen wegen Verdachts auf Spionage. Im August dieses Jahres schloss sich Norwegen, ein Anrainerstaat Russlands, den Strafmaßnahmen an. Dies bedeutet ein Einlaufverbot für die Schiffsflotte beider Unternehmen in norwegischen Häfen sowie ein Fischereiverbort in der ausschließlichen Wirtschaftszone Norwegens.

Erschwerend hinzu kommen Importverbote für Ausrüstung und Technik zur Herstellung von Schiffen in Russland. Das Land hat vor den weitreichenden EU-Sanktionen ein umfassendes Investitionsprogramm für die russische Schiffsindustrie aufgelegt, welches die Vergabe von Fangquoten an Fischereiunternehmen vorsieht. Im Gegenzug tätigen Branchenvertreter Investitionen in den Erwerb und Bau von Schiffen sowie Fischverarbeitungswerken.

Fangmengen gehen zurück

Im vergangenen Jahr haben russische Fischer 4,8 Mio. Tonnen Fisch und Meeresfrüchte gefangen, das sind 8% weniger als im Vorjahr. In den vergangen fünf Jahren lag die jährliche Fangmenge zwischen 4,8 und 5,3 Mio. Tonnen, belegt eine Statistik des Branchenportals Agromix. Etwa 76% des Fischfangs entfallen auf den Fernen Osten Russlands. Zuwächse gab es bei Alaska-Seelachs mit 1,9 Mio. Tonnen (+2% gegenüber Vorjahr), Pazifischem Hering (450.400 Tonnen, +13,7%) und Kapelan (51.700 Tonnen, +124%). Weniger Ausbeute gab es hingegen bei Kabeljau mit 329.900 Tonnen, -15,7%), Schellfisch (64.000 Tonnen, -21%) und Ostseehering (24.500 Tonnen, -4,7%).

Einen Rekordfang machten russische Fischer dieses Jahr nahe der Kurilen-Insel Iturup. Dort ging ihnen ein 290 kg schwerer Roter Thun ins Netz. Experten zufolge kostet so ein Prachtexemplar auf japanischen Fischauktionen 160 Mio. Rubel, umgerechnet 1,7 Mio. Euro. Der bislang teuerste Rote Thun, der sogar leichter gewesen sein soll, sei in Japan für 1,3 Mio. Dollar unter den Hammer gekommen, berichtete die Nachrichtenagentur TASS.

Fischexport mit leichtem Plus

In den ersten sieben Monaten 2025 exportierte Russland 1,2 Mio. Tonnen Fisch und Meeresfrüchte, das ist ein Anstieg von 5% zum Vorjahreszeitraum, belegen Zahlen des Außenhandelszentrums Agroexport. Wertmäßig stiegen die Ausfuhren um 13% auf 3,1 Mrd. US-Dollar. Laut der russischen Shipery Shipowners Association (FSA) sorgten Fischfilets und Fischhackfleisch im ersten Halbjahr mit 9% für den größten Exportzuwachs. Sie machten einen Anteil von 7,5% am gesamten Exportvolumen aus. Der Export von Krabben stieg im ersten Halbjahr um fast 19%.

2024 exportierte Russland 2,1 Mio. Tonnen Fisch und Meeresfrüchte im Wert von 5,2 Mio. Dollar. Nach Menge ist dies ein Minus von 16,5%, nach Wert von 11,5% zum Vorjahr. 2023 war mit 2,5 Mio. Tonnen das exportstärkste Jahr in den vergangenen zehn Jahren. Das beste Umsatzergebnis erzielten die russischen Fischexporteure jedoch 2021 mit 2,2 Mio. Tonnen im Wert von 6,8 Mrd. Dollar.

Nach Angaben von Rosrybolowstwo beliefert Russland 90 Länder der Welt mit Fisch. Die wichtigsten Abnehmerländer sind China, Südkorea, Niederlande, Norwegen und Japan. Diese Märkte machen laut dem Verband der Fischereiunternehmen VARPE 90% aller Erlöse der russischen Fischindustrie aus. Dabei entfallen 45% am Fischexport-Volumen auf „unfreundliche Länder“, die gegen Russland Sanktionen verhängt haben. Der Verband sagt voraus, dass die russischen Fischlieferungen in EU-Länder von 780 Mio. US-Dollar im Jahr 2023 auf 570 Mio. US-Dollar im Jahr 2030 zurückgehen werden.

Appetit auf Fisch

2024 lag der Pro-Kopf-Konsum von Fisch in Russland bei 22,7 kg, dies bedeutet einen leichten Anstieg zum Vorjahr, wie aus Berechnungen der Statistikbehörde Rosstat hervorgeht. 2022 gönnten sich die Russen mit 19,2 kg im Jahr deutlich weniger Fisch und Meeresfrüchte. Am meisten Fisch in den vergangenen 25 Jahren verzehrten die Russen 2011 und 2012 mit einem Pro-Kopf-Verbrauch von 27,2 kg pro Jahr.

Der Durchschnittspreis für Fisch ist in Russland Rosstat zufolge zwischen 2020 und 2025 jährlich um 17% gestiegen. Experten beobachten einen globalen Teuerungstrend bei Fischprodukten. Laut dem Vorsitzenden des Branchenverbands Rybnyj Sojus Alexander Panin ist der globale Fischfang in den vergangenen zehn Jahren bei gleichzeitig zunehmender Weltbevölkerung unverändert geblieben. Dieses Defizit führe zu erhöhter Nachfrage und steigenden Preisen, so Panin.

Laut dem Analysehaus Nielsen stieg der Fischabsatz in Russland zwischen Januar 2024 und Januar 2025 mengenmäßig um 7% und wertmäßig um 18%. Die beliebteste Fischsorten der Russen sind Hering, Buckellachs und Alaska-Seelachs. Letzterer ist die weitverbreitetste Fischart in Russland, dessen Anteil am russischen Fischfang 40% beträgt.

Quellen: Rosrybolowsto, RBC, Parlamentskaja Gaseta, Agromix, FSA, Sea Food Export Russia, Kommersant 1, 2, Specagro, Portnews, Logist Today (alle RU), Welt