Alaska-Gipfel – Auftakt zur russisch-amerikanischen Arktis-Kooperation?
„Die Arktis ist zu wichtig für eine Politik im Stil des Kalten Krieges. Russland und die USA müssen eine gemeinsame Basis finden“, mit diesen Worten kommentierte Kirill Dmitrijew, Leiter des Russian Direct Investment Fund (RDIF) und Sondergesandter für Investitions- und Wirtschaftskooperation, im März eine mögliche Kooperation zwischen Amerikanern und Russen im ewigen Eis. Dmitrijew, der an der amerikanischen Eliteuniversität Stanford studiert hat, kündigte im Rahmen des Internationalen Arktisforums in Murmansk die Gründung eines Arktis-Investitionsfonds bis Ende 2025 an. Auch beim Alaska-Gipfeltreffen zwischen Donald Trump und Wladimir Putin am 15. August war Dmitrijew einer der wenigen russischen Teilnehmer. Der Ort des ersten Putin-Besuchs in den USA seit fast zehn Jahren unterstreicht die strategische Bedeutung der Arktis.
Der russische Präsident betonte im Anschluss an das Treffen das Potenzial einer engeren bilateralen Kooperation zwischen den beiden Ländern und erwähnte dabei auch die Arktis: „Wir haben viele Bereiche für eine gemeinsame Zusammenarbeit. […] Wir sehen, dass eine Zusammenarbeit in der Arktis in unserem internationalen Kontext ebenfalls sehr gut möglich ist. Zum Beispiel zwischen dem Fernen Osten Russlands und der Westküste der USA.“ Auch Donald Trump sprach von einem „äußerst produktiven Treffen“, machte allerdings klar, dass wirtschaftliche Projekte erst nach einer friedlichen Lösung der Ukraine-Frage beginnen können. „Es gibt keinen Deal, bis es einen Deal gibt“, sagte Trump.
Die Intensivierung der amerikanisch-russischen Wirtschaftsbeziehungen, die sich auf einem Tiefpunkt befinden, wird dabei vom US-Außenminister Marco Rubio auch im Kontext geopolitische Rivalitäten mit China erklärt: „Russland könnte die Beziehungen zu den USA wieder ausbauen – wenn es nicht bereits zu abhängig von China geworden wäre, nachdem wir es jahrelang isoliert haben.“
Der amerikanische Arktis-Experte Pawel Dewjatkin von der Washingtoner Denkfabrik The Arctic Institute sieht im Gipfeltreffen ein Aufbruchsignal: „Nach dem Gipfeltreffen ist klar, dass es neue Gesprächsformate zur arktischen Zusammenarbeit geben wird. Die Gespräche deuten auf ein vorsichtiges Interesse beider Seiten hin, frühere Kooperationsstrukturen im Bereich Öl, Gas und Ressourcen wiederzubeleben. Frühere Beispiele zeigen: Die Arktis kann als Türöffner auch für andere Themen dienen.“
Der russische Präsident betonte im Anschluss an das Treffen das Potenzial einer engeren bilateralen Kooperation zwischen den beiden Ländern und erwähnte dabei auch die Arktis: „Wir haben viele Bereiche für eine gemeinsame Zusammenarbeit. […] Wir sehen, dass eine Zusammenarbeit in der Arktis in unserem internationalen Kontext ebenfalls sehr gut möglich ist. Zum Beispiel zwischen dem Fernen Osten Russlands und der Westküste der USA.“ Auch Donald Trump sprach von einem „äußerst produktiven Treffen“, machte allerdings klar, dass wirtschaftliche Projekte erst nach einer friedlichen Lösung der Ukraine-Frage beginnen können. „Es gibt keinen Deal, bis es einen Deal gibt“, sagte Trump.
Die Intensivierung der amerikanisch-russischen Wirtschaftsbeziehungen, die sich auf einem Tiefpunkt befinden, wird dabei vom US-Außenminister Marco Rubio auch im Kontext geopolitische Rivalitäten mit China erklärt: „Russland könnte die Beziehungen zu den USA wieder ausbauen – wenn es nicht bereits zu abhängig von China geworden wäre, nachdem wir es jahrelang isoliert haben.“
Der amerikanische Arktis-Experte Pawel Dewjatkin von der Washingtoner Denkfabrik The Arctic Institute sieht im Gipfeltreffen ein Aufbruchsignal: „Nach dem Gipfeltreffen ist klar, dass es neue Gesprächsformate zur arktischen Zusammenarbeit geben wird. Die Gespräche deuten auf ein vorsichtiges Interesse beider Seiten hin, frühere Kooperationsstrukturen im Bereich Öl, Gas und Ressourcen wiederzubeleben. Frühere Beispiele zeigen: Die Arktis kann als Türöffner auch für andere Themen dienen.“
Auch das amerikanische Politikmagazin Foreign Policy hebt in einer aktuellen Analyse hervor, dass trotz geopolitischer Spannungen selektive Kooperation in der Arktis zwischen den Nachbarländern USA und Russland möglich bleibt. Damit etabliert sich die Arktis zunehmend als Raum, in dem Diplomatie und militärische Abschreckung parallel existieren.
Die Rolle der Arktis als Sonderzone internationaler Beziehungen hat historische Wurzeln. Seit der sowjetische Staatspräsident Michail Gorbatschow 1987 in einer Rede von der Arktis als „Zone des Friedens“ sprach, galt die Region als weitgehend konfliktfrei. Die Gründung des Arktischen Rates 1996 setzte diese Linie institutionell fort, militärische Fragen wurden dabei bewusst ausgeklammert. Unter der ersten Präsidentschaft Trumps kam es jedoch zu einer Kehrtwende: 2019 scheiterte eine gemeinsame Erklärung des Rates, da die USA Klimathemen blockierten. Eine Rede von Außenminister Pompeo in Rovaniemi verschärfte den Bruch weiter. Die Rede markierte eine Kehrtwende der US-Arktispolitik: weg von einem Fokus auf Klima- und Umweltschutz, hin zu Geopolitik und Rohstoffinteressen.
Lukas Wahden, Politikwissenschaftler mit Arktis-Fokus von der französischen Eliteuniversität Sciences Po, äußerte sich im Podcast „Zaren. Daten. Fakten.“ der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer vorsichtig optimistisch zu einer möglichen Annäherung der Russen und Amerikaner in der Arktis: „Beide Seiten sondieren eine Wiederaufnahme der Zusammenarbeit – primär bei Öl und Gas. Gleichzeitig konkurrieren die USA und Russland auf den Energiemärkten; eine Annäherung bräche mit der bisherigen NATO-Linie und dürfte die übrigen Arktisstaaten schockieren.“
Die Rolle der Arktis als Sonderzone internationaler Beziehungen hat historische Wurzeln. Seit der sowjetische Staatspräsident Michail Gorbatschow 1987 in einer Rede von der Arktis als „Zone des Friedens“ sprach, galt die Region als weitgehend konfliktfrei. Die Gründung des Arktischen Rates 1996 setzte diese Linie institutionell fort, militärische Fragen wurden dabei bewusst ausgeklammert. Unter der ersten Präsidentschaft Trumps kam es jedoch zu einer Kehrtwende: 2019 scheiterte eine gemeinsame Erklärung des Rates, da die USA Klimathemen blockierten. Eine Rede von Außenminister Pompeo in Rovaniemi verschärfte den Bruch weiter. Die Rede markierte eine Kehrtwende der US-Arktispolitik: weg von einem Fokus auf Klima- und Umweltschutz, hin zu Geopolitik und Rohstoffinteressen.
Lukas Wahden, Politikwissenschaftler mit Arktis-Fokus von der französischen Eliteuniversität Sciences Po, äußerte sich im Podcast „Zaren. Daten. Fakten.“ der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer vorsichtig optimistisch zu einer möglichen Annäherung der Russen und Amerikaner in der Arktis: „Beide Seiten sondieren eine Wiederaufnahme der Zusammenarbeit – primär bei Öl und Gas. Gleichzeitig konkurrieren die USA und Russland auf den Energiemärkten; eine Annäherung bräche mit der bisherigen NATO-Linie und dürfte die übrigen Arktisstaaten schockieren.“
Hier können Sie die Podcast-Folge im Original hören.
Wirtschaftliches Potenzial: Rohstoffe, Energie und neue Handelsrouten
Die Arktis gilt als rohstoffreichste Region der Welt. Nach einer amerikanischen Regierungsstudie des U.S. Geological Survey, einer wissenschaftlichen Behörde des US-Innenministeriums, die für geologische Forschung, die Erfassung von Rohstoffvorkommen zuständig ist, befinden sich dort rund 22% der noch unentdeckten globalen Öl- und Gasreserven. Das entspricht etwa 90 Mrd. Barrel Öl, 1669 Bio. Kubikfuß Erdgas sowie 44 Mrd. Barrel Flüssiggas.
Unter den Arktis-Anrainerstaaten nimmt Russland eine dominierende Position ein. Nach Berechnungen des Arctic Portal kontrolliert das Land mehr als die Hälfte der arktischen Öl- und Gasreserven. Auf der Jamal-Halbinsel sind bereits große Lagerstätten erschlossen. Das Gasfeld Bowanenkowo verfügt über nachgewiesene Reserven von 4,9 Bio. Kubikmetern. Zusammen mit dem nahegelegenen Feld Karasawej summieren sich die Vorkommen auf etwa 7 Bio. Kubikmeter – das entspricht rund dem 75-fachen Jahresverbrauch Deutschlands. Bowanenkowo ist für eine maximale Jahresförderung von 115 Mrd. Kubikmetern ausgelegt – genug für eine Produktion über mehr als ein Jahrhundert.
Die wirtschaftliche Relevanz der Arktis für Russland ist erheblich. Laut Arctic Today, einem führenden Nachrichtenportal zum hohen Norden, stammen etwa 8% des russischen Bruttoinlandsprodukts aus der Arktisregion, rund 10% der Exporte des größten Landes der Erde sind arktischen Ursprungs.
Ein weiterer strategischer Faktor ist die Erschließung neuer Schifffahrtsrouten. Durch den Klimawandel und die fortschreitende Eisschmelze werden Nordostpassage, Nordwestpassage und die transpolare Route zunehmend befahrbar. Diese Routen verkürzen den Seeweg zwischen Europa und Asien deutlich. Im Zentrum steht die von Russland kontrollierte Nördliche Seeroute. Einige Prognosen gehen davon aus, dass allein über diese Route bis 2035 rund 160 Mrd. US-Dollar an Steuereinnahmen generiert werden könnten. Damit entwickelt sich die Schifffahrt neben der Rohstoffförderung zu einer tragenden Säule der russischen Arktisstrategie.
Unter den Arktis-Anrainerstaaten nimmt Russland eine dominierende Position ein. Nach Berechnungen des Arctic Portal kontrolliert das Land mehr als die Hälfte der arktischen Öl- und Gasreserven. Auf der Jamal-Halbinsel sind bereits große Lagerstätten erschlossen. Das Gasfeld Bowanenkowo verfügt über nachgewiesene Reserven von 4,9 Bio. Kubikmetern. Zusammen mit dem nahegelegenen Feld Karasawej summieren sich die Vorkommen auf etwa 7 Bio. Kubikmeter – das entspricht rund dem 75-fachen Jahresverbrauch Deutschlands. Bowanenkowo ist für eine maximale Jahresförderung von 115 Mrd. Kubikmetern ausgelegt – genug für eine Produktion über mehr als ein Jahrhundert.
Die wirtschaftliche Relevanz der Arktis für Russland ist erheblich. Laut Arctic Today, einem führenden Nachrichtenportal zum hohen Norden, stammen etwa 8% des russischen Bruttoinlandsprodukts aus der Arktisregion, rund 10% der Exporte des größten Landes der Erde sind arktischen Ursprungs.
Ein weiterer strategischer Faktor ist die Erschließung neuer Schifffahrtsrouten. Durch den Klimawandel und die fortschreitende Eisschmelze werden Nordostpassage, Nordwestpassage und die transpolare Route zunehmend befahrbar. Diese Routen verkürzen den Seeweg zwischen Europa und Asien deutlich. Im Zentrum steht die von Russland kontrollierte Nördliche Seeroute. Einige Prognosen gehen davon aus, dass allein über diese Route bis 2035 rund 160 Mrd. US-Dollar an Steuereinnahmen generiert werden könnten. Damit entwickelt sich die Schifffahrt neben der Rohstoffförderung zu einer tragenden Säule der russischen Arktisstrategie.
Der Arktisexperte Lukas Wahden kommentiert im Kammer-Podcast die Bedeutung des ewigen Eises für die russische Wirtschaft: „Rund 80% des russischen Erdgases und 17% des Erdöls stammen bereits aus der Arktis. Im Festlandsockel werden über 85 Bio. m³ Gas und knapp 20 Mrd. Tonnen Öl vermutet – etwa 70% der unerschlossenen Vorkommen. Es ist Russlands Ziel, bis 2030 die Produktion zu steigern: bei Rohöl um 35%, bei der Flüssiggas-Produktion um mehr als 600%. Da Pipelines gen Westeuropa brachliegen, gewinnt die Nordostpassage als Seeweg an Gewicht.“
Auf globaler Ebene zeigt sich die Bedeutung der Region ebenfalls. Laut einer Studie des Arktischen Rates erwirtschaftet die Arktis etwa 0,44% des weltweiten Bruttoinlandsprodukts – bei nur 0,16% der Weltbevölkerung. Das verdeutlicht die hohe Kapitalintensität und den Fokus auf Ressourcenwirtschaft. Der Arktische Rat ist ein 1996 gegründetes zwischenstaatliches Forum der acht Arktis-Anrainerstaaten (USA, Kanada, Russland, Norwegen, Dänemark/Grönland, Island, Schweden, Finnland) sowie Vertretern indigener Völker.
Neben Öl und Gas rücken andere Rohstoffe in den Vordergrund. Durch das zurückgehende Eis verbessert sich der Zugang zu Mineralien und Rohstoffen, die wie Nickel, Kupfer, Zink und Seltene Erden, zentral für Zukunftstechnologien sind. Russland ist in diesem Bereich mit dem Konzern Nornickel stark vertreten. Dessen Produktionszentren liegen im arktischen Norilsk, der nördlichsten Großstadt der Welt. Das Unternehmen des Magnaten Wladimir Potanin zählt zu den weltweit führenden Anbietern von Nickel und Palladium.
Ein weiteres Ziel Russlands bleibt der Ausbau seiner Rolle im globalen LNG-Geschäft. Bis 2030 sollte ein Marktanteil von 30% erreicht werden, mit einer Produktionskapazität von 70 Mio. Tonnen pro Jahr. Durch westliche Sanktionen fiel der Anteil 2024 jedoch auf nur 8%. Der Zugang zu westlicher Technologie – insbesondere für LNG-Verflüssigungsanlagen – erweist sich als Engpass. Der russische Wirtschaftswissenschaftler Wladislaw Inosemzew erklärte gegenüber der Washington Post: „Russland hat in der Arktis viel zu bieten – aber es kann diese Potenziale nicht allein ausschöpfen.“ Internationale Kooperation bleibe deshalb ein entscheidender Faktor für die wirtschaftliche Nutzung der arktischen Ressourcen.
Neben Öl und Gas rücken andere Rohstoffe in den Vordergrund. Durch das zurückgehende Eis verbessert sich der Zugang zu Mineralien und Rohstoffen, die wie Nickel, Kupfer, Zink und Seltene Erden, zentral für Zukunftstechnologien sind. Russland ist in diesem Bereich mit dem Konzern Nornickel stark vertreten. Dessen Produktionszentren liegen im arktischen Norilsk, der nördlichsten Großstadt der Welt. Das Unternehmen des Magnaten Wladimir Potanin zählt zu den weltweit führenden Anbietern von Nickel und Palladium.
Ein weiteres Ziel Russlands bleibt der Ausbau seiner Rolle im globalen LNG-Geschäft. Bis 2030 sollte ein Marktanteil von 30% erreicht werden, mit einer Produktionskapazität von 70 Mio. Tonnen pro Jahr. Durch westliche Sanktionen fiel der Anteil 2024 jedoch auf nur 8%. Der Zugang zu westlicher Technologie – insbesondere für LNG-Verflüssigungsanlagen – erweist sich als Engpass. Der russische Wirtschaftswissenschaftler Wladislaw Inosemzew erklärte gegenüber der Washington Post: „Russland hat in der Arktis viel zu bieten – aber es kann diese Potenziale nicht allein ausschöpfen.“ Internationale Kooperation bleibe deshalb ein entscheidender Faktor für die wirtschaftliche Nutzung der arktischen Ressourcen.
Putin erlaubt Exxon-Rückkehr
Vor dem Alaska-Gipfel traf Russlands Präsident Wladimir Putin demonstrativ eine Entscheidung, die die Rückkehr westlicher Investoren in das Öl- und Gasprojekt Sachalin-1 ermöglicht. Unmittelbar vor seinem Abflug in die USA unterzeichnete Putin ein entsprechendes Dekret. Es ergänzt seine Anordnung aus dem Oktober 2022, mit der Russland die Kontrolle über das Förderprojekt vor der Küste der Insel Sachalin im Fernen Osten übernommen hatte.
Die ursprünglichen ausländischen Anteilseigner von Sachalin-1 waren der US-Konzern ExxonMobil mit 30%, das japanische Konsortium Sodeco mit ebenfalls 30% sowie das indische Unternehmen Oil and Natural Gas Corporation Limited (ONGC) mit 20%. Das neue Dekret nennt nun Bedingungen, unter denen diese Unternehmen ihre Anteile zurückerhalten können. Eine zentrale Voraussetzung ist, dass sie sich aktiv für die Aufhebung von Sanktionen einsetzen, die sich negativ auf das Projekt auswirken.
Russische Energieexperten sehen im Putin-Dekret vor allem eine Botschaft an ExxonMobil. Im Gegensatz zum japanischen Sodeco und der indischen ONGC hatte sich Exxon im Jahr 2022 offiziell aus dem Projekt zurückgezogen. Die russische Regierung beabsichtigte daraufhin, den US-Anteil zu verkaufen. Exxon musste infolge des Rückzugs einen Verlust von 4,6 Mrd. US-Dollar verbuchen.
Igor Juschkow vom russischen Fonds für nationale Energiesicherheit erklärt, das Dekret biete Exxon eine explizite Rückkehroption an – unter der Bedingung, dass der Konzern politische Unterstützung für eine Lockerung westlicher Sanktionen leistet. Die Entscheidung, den Anteil bislang nicht an andere Interessenten zu vergeben, deutet auf eine gezielte Strategie hin.
Stanislaw Mitrachowitsch von der Moskauer Finanzuniversität führt aus, dass der Anteil Exxons nie endgültig veräußert worden sei, obwohl die russische Regierung wiederholt Fristen zur Neuregelung gesetzt habe. „Dementsprechend ist der Exxon-Anteil an seinen ursprünglichen Eigentümer zurückgekehrt. Mir scheint, das ist eine sehr bezeichnende Geschichte“, so Mitrachowitsch. „Wäre ein Verkauf an russische, indische oder chinesische Unternehmen geplant gewesen, so hätte er längst stattgefunden.“
Der Standort Sachalin-1 habe im Vergleich zu anderen arktischen Projekten viele Vorteile. Das Klima sei milder, die Förderung bereits angelaufen, die Infrastruktur vorhanden. Zudem befinden sich im asiatisch-pazifischen Raum, in dem die Nachfrage nach Öl stabil wächst, zahlreiche Abnehmerländer oder potenzielle neue Kunden. Eine Rückkehr von ExxonMobil nach Sachalin-1 sei daher realistischer als ein Wiedereinstieg in Projekte in der Karasee, deren Rentabilität aber bei aktuellen Ölpreisen als gering eingestuft wird.
Die ursprünglichen ausländischen Anteilseigner von Sachalin-1 waren der US-Konzern ExxonMobil mit 30%, das japanische Konsortium Sodeco mit ebenfalls 30% sowie das indische Unternehmen Oil and Natural Gas Corporation Limited (ONGC) mit 20%. Das neue Dekret nennt nun Bedingungen, unter denen diese Unternehmen ihre Anteile zurückerhalten können. Eine zentrale Voraussetzung ist, dass sie sich aktiv für die Aufhebung von Sanktionen einsetzen, die sich negativ auf das Projekt auswirken.
Russische Energieexperten sehen im Putin-Dekret vor allem eine Botschaft an ExxonMobil. Im Gegensatz zum japanischen Sodeco und der indischen ONGC hatte sich Exxon im Jahr 2022 offiziell aus dem Projekt zurückgezogen. Die russische Regierung beabsichtigte daraufhin, den US-Anteil zu verkaufen. Exxon musste infolge des Rückzugs einen Verlust von 4,6 Mrd. US-Dollar verbuchen.
Igor Juschkow vom russischen Fonds für nationale Energiesicherheit erklärt, das Dekret biete Exxon eine explizite Rückkehroption an – unter der Bedingung, dass der Konzern politische Unterstützung für eine Lockerung westlicher Sanktionen leistet. Die Entscheidung, den Anteil bislang nicht an andere Interessenten zu vergeben, deutet auf eine gezielte Strategie hin.
Stanislaw Mitrachowitsch von der Moskauer Finanzuniversität führt aus, dass der Anteil Exxons nie endgültig veräußert worden sei, obwohl die russische Regierung wiederholt Fristen zur Neuregelung gesetzt habe. „Dementsprechend ist der Exxon-Anteil an seinen ursprünglichen Eigentümer zurückgekehrt. Mir scheint, das ist eine sehr bezeichnende Geschichte“, so Mitrachowitsch. „Wäre ein Verkauf an russische, indische oder chinesische Unternehmen geplant gewesen, so hätte er längst stattgefunden.“
Der Standort Sachalin-1 habe im Vergleich zu anderen arktischen Projekten viele Vorteile. Das Klima sei milder, die Förderung bereits angelaufen, die Infrastruktur vorhanden. Zudem befinden sich im asiatisch-pazifischen Raum, in dem die Nachfrage nach Öl stabil wächst, zahlreiche Abnehmerländer oder potenzielle neue Kunden. Eine Rückkehr von ExxonMobil nach Sachalin-1 sei daher realistischer als ein Wiedereinstieg in Projekte in der Karasee, deren Rentabilität aber bei aktuellen Ölpreisen als gering eingestuft wird.
Pläne bis 2035: Russlands Arktisstrategie
Die 2020 verabschiedete russische Arktisstrategie bis 2035 sieht eine weitreichende Entwicklung von Infrastruktur, Rohstoffgewinnung und Schifffahrt vor. Im Zentrum steht der Ausbau der Nördlichen Seeroute (NSR), die sich als zentrale Verbindung zwischen Europa und Asien etablieren soll. Laut Angaben des russischen Verkehrsministeriums sollte das Transportvolumen auf der NSR von 34 Mio. Tonnen im Jahr 2022 auf 80 Mio. Tonnen bis 2024 und auf 130 Mio. Tonnen bis 2035 steigen. Das Ziel für 2024 wurde jedoch deutlich verfehlt: Tatsächlich transportierte Rosatom nur rund 36 Mio. Tonnen. Sanktionen, ein Mangel an geeigneten Schiffen und hohe Versicherungskosten gelten als zentrale Hemmnisse.
Die Arktisregion liefert nahezu den gesamten russischen Bedarf an Diamanten, Platinmetallen und Nickel. Der Bergbaukonzern Nornickel mit Sitz in Norilsk gehört zu den größten Produzenten dieser Rohstoffe weltweit.
Ein weiterer Schwerpunkt der Strategie ist die infrastrukturelle Absicherung der Seeroute. Bis 2035 sollen entlang der NSR insgesamt 40 Notfall- und Rettungszentren entstehen. Ziel ist es, eine durchgehende maritime Sicherheitsstruktur aufzubauen, so das russische Ministerium für Katastrophenschutz.
Neben der wirtschaftlichen Nutzung wird in der Strategie auch der Tourismus als künftiges Wachstumsfeld genannt. Insbesondere Kreuzfahrten entlang der NSR ab Murmansk und Archangelsk sollen gezielt entwickelt werden, um ausländische Gäste anzuziehen. Grundlage dafür ist das Dekret Nr. 645 vom 26. Oktober 2020. Geplant ist auch die Schaffung von sieben sogenannten Arctic tourism clusters in Regionen wie Tschukotka, der Jamal-Halbinsel und Norilsk. Diese sollen Infrastrukturen für Kreuzfahrten, Polarreisen und Naturtourismus bereitstellen, so das Ministerium für Fernen Osten und Arktis (2021). Langfristig soll der Tourismus einen „signifikanten Beitrag zur Diversifizierung der regionalen Wirtschaft“ leisten und die Abhängigkeit von Rohstoffen verringern. Das Ziel liegt bei über einer Million Touristen pro Jahr bis 2035.
Lukas Wahden äußerte sich im Podcast der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer zur strategischen Ausrichtung: „Die Arktis-Strategie reicht bis 2035 und wurde 2023 grundlegend verschärft: Der Arktisrat wurde vollständig aus dem Text gestrichen, stattdessen werden bilaterale Beziehungen mit ‚freundlichen Staaten‘ betont“, so der deutsche Wissenschaftler, „NATO- und Arktisstaaten erscheinen als Bedrohung, die technologische Unabhängigkeit vom Westen rückt in den Fokus, und der Klimawandel wird primär als Chance für leichtere Rohstoffausbeutung dargestellt.“
Ein weiterer Schwerpunkt der Strategie ist die infrastrukturelle Absicherung der Seeroute. Bis 2035 sollen entlang der NSR insgesamt 40 Notfall- und Rettungszentren entstehen. Ziel ist es, eine durchgehende maritime Sicherheitsstruktur aufzubauen, so das russische Ministerium für Katastrophenschutz.
Neben der wirtschaftlichen Nutzung wird in der Strategie auch der Tourismus als künftiges Wachstumsfeld genannt. Insbesondere Kreuzfahrten entlang der NSR ab Murmansk und Archangelsk sollen gezielt entwickelt werden, um ausländische Gäste anzuziehen. Grundlage dafür ist das Dekret Nr. 645 vom 26. Oktober 2020. Geplant ist auch die Schaffung von sieben sogenannten Arctic tourism clusters in Regionen wie Tschukotka, der Jamal-Halbinsel und Norilsk. Diese sollen Infrastrukturen für Kreuzfahrten, Polarreisen und Naturtourismus bereitstellen, so das Ministerium für Fernen Osten und Arktis (2021). Langfristig soll der Tourismus einen „signifikanten Beitrag zur Diversifizierung der regionalen Wirtschaft“ leisten und die Abhängigkeit von Rohstoffen verringern. Das Ziel liegt bei über einer Million Touristen pro Jahr bis 2035.
Lukas Wahden äußerte sich im Podcast der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer zur strategischen Ausrichtung: „Die Arktis-Strategie reicht bis 2035 und wurde 2023 grundlegend verschärft: Der Arktisrat wurde vollständig aus dem Text gestrichen, stattdessen werden bilaterale Beziehungen mit ‚freundlichen Staaten‘ betont“, so der deutsche Wissenschaftler, „NATO- und Arktisstaaten erscheinen als Bedrohung, die technologische Unabhängigkeit vom Westen rückt in den Fokus, und der Klimawandel wird primär als Chance für leichtere Rohstoffausbeutung dargestellt.“
Klimawandel in der Arktis
„Die Arktis erwärmt sich etwa viermal schneller als der globale Schnitt, Meereis und Permafrost schwinden. Die Nordostpassage könnte die Route Shanghai–Rotterdam um 30% bis 40% verkürzen, Einnahmen für Russland generieren und ist die einzige Pazifik-Atlantik-Verbindung außerhalb direkter US-Marinekontrolle. Das macht sie für China attraktiv. Zugleich deuten neue Studien auf höhere Navigationsrisiken durch zerfallendes Meereis hin“, beschreibt Lukas Wahden die aktuelle Klima-Lage.
Die Durchschnittstemperatur in der Arktis ist laut dem Osloer Arctic Monitoring and Assessment Programme (AMAP) zwischen 1971 und 2019 um etwa 3,1 Grad Celsius gestiegen – mehr als doppelt so stark wie der weltweite Durchschnitt, der im selben Zeitraum bei etwa 1 Grad lag. Dieses Phänomen ist unter dem Begriff „arktische Verstärkung“ bekannt und beeinflusst globale Klimasysteme unmittelbar. AMAP ist ein wissenschaftliches Monitoring- und Forschungsprogramm des Arktischen Rates.
Seit Beginn der Satellitenmessungen vor rund 40 Jahren hat sich die Ausdehnung des sommerlichen Meereises um etwa 40% verringert. Immer wieder werden neue Tiefststände registriert. Parallel dazu schreitet das Auftauen des Permafrosts fort – mit weitreichenden Folgen für Infrastruktur, Ökosysteme und Methanfreisetzung.
Russland verfügt über die längste arktische Küstenlinie aller Anrainerstaaten und kontrolliert fast 50% des gesamten Küstenraums. Das macht das Land zu einem zentralen Akteur im arktischen Klima- und Umweltgeschehen. Gleichzeitig ergeben sich strategische Chancen. Die Nördliche Seeroute (NSR), die entlang der russischen Küste verläuft, wird durch das Abschmelzen des Eises zunehmend befahrbar. Experten erwarten, dass sie den Seeweg zwischen Ostasien und Europa um 30% bis 40% verkürzen könnte. Das bietet wirtschaftliches Potenzial – sowohl durch Transitgebühren als auch durch reduzierte Transportzeiten und -kosten.
Auch die USA sind vom Arktis-Klimawandel betroffen: In Alaska führen Küstenerosion und das Auftauen des Permafrosts zu steigenden Schäden. Laut einem Bericht des U.S. Government Accountability Office, einer überparteilichen Prüf- und Untersuchungsbehörde des US-Kongresses, entstehen dadurch allein im Bereich Infrastruktur jährlich Kosten in Milliardenhöhe. Darüber hinaus gefährdet die Erosion ganze Siedlungen indigener Bevölkerungsgruppen sowohl in den USA als auch in Russland.
Die Durchschnittstemperatur in der Arktis ist laut dem Osloer Arctic Monitoring and Assessment Programme (AMAP) zwischen 1971 und 2019 um etwa 3,1 Grad Celsius gestiegen – mehr als doppelt so stark wie der weltweite Durchschnitt, der im selben Zeitraum bei etwa 1 Grad lag. Dieses Phänomen ist unter dem Begriff „arktische Verstärkung“ bekannt und beeinflusst globale Klimasysteme unmittelbar. AMAP ist ein wissenschaftliches Monitoring- und Forschungsprogramm des Arktischen Rates.
Seit Beginn der Satellitenmessungen vor rund 40 Jahren hat sich die Ausdehnung des sommerlichen Meereises um etwa 40% verringert. Immer wieder werden neue Tiefststände registriert. Parallel dazu schreitet das Auftauen des Permafrosts fort – mit weitreichenden Folgen für Infrastruktur, Ökosysteme und Methanfreisetzung.
Russland verfügt über die längste arktische Küstenlinie aller Anrainerstaaten und kontrolliert fast 50% des gesamten Küstenraums. Das macht das Land zu einem zentralen Akteur im arktischen Klima- und Umweltgeschehen. Gleichzeitig ergeben sich strategische Chancen. Die Nördliche Seeroute (NSR), die entlang der russischen Küste verläuft, wird durch das Abschmelzen des Eises zunehmend befahrbar. Experten erwarten, dass sie den Seeweg zwischen Ostasien und Europa um 30% bis 40% verkürzen könnte. Das bietet wirtschaftliches Potenzial – sowohl durch Transitgebühren als auch durch reduzierte Transportzeiten und -kosten.
Auch die USA sind vom Arktis-Klimawandel betroffen: In Alaska führen Küstenerosion und das Auftauen des Permafrosts zu steigenden Schäden. Laut einem Bericht des U.S. Government Accountability Office, einer überparteilichen Prüf- und Untersuchungsbehörde des US-Kongresses, entstehen dadurch allein im Bereich Infrastruktur jährlich Kosten in Milliardenhöhe. Darüber hinaus gefährdet die Erosion ganze Siedlungen indigener Bevölkerungsgruppen sowohl in den USA als auch in Russland.
Quellen: Foreign Policy, Washington Post, Reuters, The Times (alle EN) Kommersant (RU), Kammer-Podcast mit Lukas Wahden