Fokusanalyse

Moldau: Weingarten zwischen West- und Russlandorientierung

2025-09-30 10:16
Hintergrund

Nach dem Zerfall der Sowjetunion blieb Russland zunächst der zentrale wirtschaftliche Partner der Republik Moldau. Die neuen politischen Grenzen änderten wenig an den jahrzehntelang gewachsenen Wirtschaftsstrukturen: Moldau exportierte Wein, Obst, Textilien und Agrarprodukte nach Russland und bezog im Gegenzug Energie, Rohstoffe und industrielle Erzeugnisse. Anfang der 2000er-Jahre entfielen rund drei Viertel des moldauischen Außenhandels auf Russland und andere Staaten der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS). Das bilaterale Handelsvolumen zwischen Russland und Moldau lag 2004 bei rund 700 Mio. Euro und stieg bis 2008 auf etwa 1,2 Mrd. Euro. Der Höhepunkt wurde 2012 mit gut 1,6 Mrd. Euro erreicht.

Doch mit der Unterzeichnung des Assoziierungs- und Freihandelsabkommens zwischen Moldau und der Europäischen Union im Juni 2014 verschob sich die wirtschaftliche Orientierung des kleinen Binnenstaates schrittweise gen Westen. Die Zollfreiheit im Rahmen des GUS-Abkommens wurde ausgesetzt, auf moldauische Agrar- und Lebensmittelimporte erhob Moskau Schutzzölle. Gleichzeitig verhängte der russische Sanitätsdienst Rospotrebnadsor wiederholt Importstopps für moldauische Weine, Obst und Gemüse, offiziell wegen „Pflanzenschutzmängeln“.

Zwar führte die Energiekrise 2022 durch den Anstieg der Gaspreise kurzfristig zu einem Rekordwert im Handel von mehr als 2,9 Mrd. Euro, doch schon 2023 schrumpfte der Warenaustausch auf knapp 1,9 Mrd. Euro. Mittlerweile wickelt Moldau über 70% seiner Handelsbeziehungen mit der EU und Großbritannien ab, auf Russland entfallen nur 3%. Die Höhe des Gesamtexports aus Moldau lag in den vergangenen beiden Jahren bei rund drei Milliarden Euro, davon Agrarprodukte im Wert von 1,23 Milliarden Euro, was knapp der Hälfte des Exports entspricht. Nach Angaben des moldauischen Landwirtschaftsministeriums gehen etwa 70% der Landwirtschaftsproduktion in den Export.

Europas Armenhaus

Moldau gilt auch 2025 als das ärmste Land Europas. Laut dem Internationalen Währungsfonds (IWF) beträgt das Bruttoinlandsprodukt des Landes 16,6 Mrd. Euro. Mit einer Bevölkerung von rund 2,4 Mio. Menschen ergibt sich daraus ein Pro-Kopf-BIP von etwa 7.300 Euro. Auch kaufkraftbereinigt bleibt Moldau abgeschlagen: Das BIP pro Kopf nach Kaufkraftparität (PPP) liegt bei etwa 17.000 Euro – hinter der Ukraine mit 18.000 Euro. Zum Vergleich: Russland erreicht 42.000 Euro pro Kopf, Deutschland 62.500.

Nach einem Einbruch um 4,6% im Jahr 2022 erholte sich die moldauische Wirtschaft nur schleppend. 2023 wuchs das BIP um 1,2%, 2024 stagnierte es nahezu (+0,1%).

Seit Sowjetzeiten deckte der russische Energiekonzern Gazprom den gesamten Gasbedarf der Republik. Bis 2021 stammten 100% des in Moldau verbrauchten Erdgases aus Russland, das über ukrainische Transitpipelines geliefert wurde. 2022 begann Moldau dann, seine Energieversorgung neu auszurichten. Über eine neue Pipeline kann seitdem Gas aus Rumänien und den EU-Märkten bezogen werden. Ab Ende 2022 deckte Moldau seinen gesamten Gasbedarf über diese Leitung und europäische Speicher. Gazprom lieferte Gas nur noch an den abtrünnigen Landstrich Transnistrien, bis auch dieser Export 2025 zum Erliegen kam.

Moldau verfügt nur über eine schwache industrielle Basis, geringe Produktivität und ein kleines Binnenmarktvolumen. Die Wirtschaft hängt von Agrarproduktion, Rücküberweisungen von im Ausland arbeitenden Moldauern und westlicher Entwicklungshilfe ab. Im zweiten Quartal 2025 lag der durchschnittliche Bruttolohn bei 15.471 Lei, rund 797 Euro. 2022 stieg die Inflation auf ihren höchsten Stand seit 1993 und betrug auf dem Höhepunkt 35%. Im August 2025 lag die Inflation bei 7,3%.

Abwanderung als Strukturproblem – Devisen als Rettungsanker

Seit der Unabhängigkeit 1991 hat Moldau rund die Hälfte seiner Einwohner verloren. Die wichtigsten Zielländer für Emigranten sind Italien, Deutschland, Frankreich und Rumänien, aber auch Russland, wo traditionell viele Moldauer als Bauarbeiter, Haushaltshilfen oder in der Landwirtschaft tätig waren.

Während Russland in den 2000er- und 2010er-Jahren das Hauptziel moldauischer Arbeitsmigranten war, hat sich die Richtung seit der Unterzeichnung des EU-Assoziierungsabkommens 2014 stark verschoben.

Die Rücküberweisungen der im Ausland arbeitenden Moldauer sind ein zentraler Pfeiler der Volkswirtschaft. Sie machen inzwischen rund 20% des Bruttoinlandsprodukts aus.

Abtrünniges Transnistrien

Transnistrien, der schmale Landstreifen entlang des Flusses Dnister, ist eine geopolitische Narbe des Zerfalls der Sowjetunion. Im Jahr 1992 erklärte sich diese Region faktisch von der Republik Moldau los, der Unabhängigkeitsstatus dieses Gebiets wird aber international nicht anerkannt. Heute leben ca. 450.000 Menschen in der Region.

Wirtschaftlich ist Transnistrien von seiner traditionell industriellen Basis geprägt, die sich von der agrarisch dominierten Struktur des übrigen Moldaus unterscheidet. Metallurgie, Maschinenbau, Energieproduktion und Textilindustrie prägen das regionale Wirtschaftssystem.

Die Unterbrechung russischer Gaslieferungen ab Januar 2025 traf Transnistrien hart: Stromausfälle, rationierte Versorgung, betroffene Industrieanlagen – all das führte zu einer ernsten wirtschaftlichen und humanitären Lage.

Quellen: IWF, FRED (EN), Kommersant, Vedomosti, MID (alle RU), Worldbank, Trading Economics, IEA, Statistika Moldovei 3, Zentrum für Osteuropastudien, AHK Rumänien, IMF, Invest Moldova, Lloyds Bank, Inoftag, EFTA, Trading Economics