Fokusanalyse

Russlands Biermarkt: Teurer und lokaler

2025-12-15 11:10
Hintergrund

Der russische Biermarkt verzeichnet 2025 einen deutlichen Rückgang im Absatz, während die Produktion nur leicht reduziert wurde. Rund 43% aller Alkohol-Ausgaben in Russland entfallen laut der Wirtschaftszeitung Kommersant auf Bier. Seit 2023 verteuerte sich Bier in Russland laut den Wirtschaftsjournalisten von RBCum über 25%, der Durchschnittspreis stieg von etwa 120 Rubel, 1,30 Euro, pro Liter (2023) auf rund 196 Rubel, 2.10 Euro, pro Liter Ende 2025.

Importbiere verteuerten sich seit Anfang des Jahres überproportional um 36%, während russische Produzenten die Preise um 18% erhöhten. Haupttreiber waren steigende Verbrauchssteuern sowie teurere Rohstoffe und Verpackungsmaterialien. Trotz der Verteuerung gehört Russland international weiterhin zu den preisgünstigen Bierländern: Mit durchschnittlich rund einem Euro pro 0,5 l lag das Land 2024 weltweit auf Rang 21 der günstigsten Biermärkte.

Während die Top-3-Hersteller 2012 noch über 81% Marktanteil hielten, waren es 2025 nur noch rund 60%. Marktführer Baltika, nach dem Rückzug von Carlsberg unter staatlicher Verwaltung, baute seine Position 2024 weiter aus und steigerte den Absatz um 16,8% auf 28,3% Marktanteil. Gleichzeitig stieg der Anteil unabhängiger Regional- und Craft-Brauereien auf rund 38%, ein historischer Höchststand.

Bierblase: Absatzrückgang trotz hoher Produktion

Nach Angaben der Kontrollbehörde Rosalkogoltobakkontrol sank die Herstellung fermentierter Getränke von Januar bis November 2025 um 0,5% auf 845,8 Mio. Dekaliter (dal). Die Produktion klassischen Biers bis 8,6% Alkohol fiel um 1,1% auf 719,7 Mio. dal, starkes Bier über 8,6% brach um 7,2% auf 72.500 dal ein. Trotz dieses Verkaufsrückganges wurde fast so viel Bier produziert wie im Vorjahr: Von Januar bis September 2025 wurden 688 Mio. dal produziert, aber nur 462 Mio. dal verkauft. Marktbeobachter sprechen deshalb von einer möglichen „Bierblase“, da Bestände schneller wachsen als der Absatz.

Während der klassische Bierabsatz schrumpfte, entwickelten sich einzelne Segmente positiv. Biermischgetränke legten um 0,8% auf 110,4 Mio. dal zu, während Apfelwein, Birnenwein und Met um 19,6% auf 15,68 Mio. dal wuchsen. Die Bierimporte fielen in den ersten drei Quartalen 2025 wertmäßig um 50% auf nur noch rund 100 Mio. Euro. Die Einführung drastischer Einfuhrzölle von 150 RUB/l auf Bier und Cider aus „unfreundlichen“ Herkunftsländern drückte das Volumen zusätzlich. Der EU-Import erreichte im September 2025 mit rund 3000 Tonnen den niedrigsten Stand seit zehn Jahren. Dafür stieg China 2025 mit Bierimporten im Wert von 30 Mio. Euro, ein Plus von 50% gegenüber dem Vorjahr, erstmals zum größten Lieferanten auf.

Die deutschen Bierimporte sanken im ersten Halbjahr 2025 um das 5,5-Fache auf nur 9 Mio. Euro. Trotzdem gibt es in den meisten russischen Geschäften weiterhin deutsches Bier wie Spaten und Franziskaner zu kaufen, da diese Biermarken seit 2022 lokal in Russland hergestellt werden.

Rückgang bei Massenbier, Aufstieg der Nischen

Die Konsumpräferenzen der russischen Verbraucher verschieben sich. Helles Bier bleibt mit rund 70% Marktanteil zwar weiterhin die dominante Kategorie, verlor jedoch gegenüber dem Vorjahr leicht an Anteil. Gleichzeitig gewinnen alternative Bierstile zunehmend an Bedeutung: Unfiltrierte Biere, stärker eingebraute Sorten und insbesondere geschmacklich aromatisierte Produkte legten überdurchschnittlich zu.

Ein weiteres wachsendes Segment ist alkoholfreies Bier. Hier stiegen die Verkäufe in den ersten Monaten 2024 um rund 10%. Auch das Premium- und Craft-Segment entwickelt sich robust: Trotz der gesamtwirtschaftlichen Belastung und sinkender Kaufkraft verzeichneten unabhängige Brauereien wachsende regionale Nachfrage.

Im regionalen Vergleich ergeben sich deutliche Unterschiede im Verbrauchsverhalten. Die höchsten Pro-Kopf-Werte verzeichneten 2024 laut den Branchenanalysten FinExpertiza traditionell die östlichen Regionen: Die Republik Chakassien lag mit 91,6 Litern pro Jahr an der Spitze, gefolgt von Sachalin (90,8 l), dem Autonomen Bezirk der Nenzen (90,3 l) und der Region Murmansk (88,9 l). Am unteren Ende stehen die überwiegend muslimischen Republiken des Nordkaukasus: In Inguschetien betrug der Konsum 0,6 Liter pro Kopf, in Tschetschenien 3,3 Liter, in Dagestan 5,4 Liter. In Moskau liegt der Wert mit rund 37 Litern deutlich unter dem Landesmittel.

International bleibt Russland im Pro-Kopf-Konsum hinter den großen Biernationen zurück. Während ein Russe im Durchschnitt rund 52,6 Liter trank, lag Deutschland mit rund 95 Litern und die USA mit 70–72 Litern pro Kopf spürbar darüber.

Russisches Oktoberfest? Neue Messen sollen die Branche beleben

Vor dem Hintergrund rückläufiger Verkaufszahlen diskutiert die russische Regierung Maßnahmen zur Stabilisierung der Brauindustrie. Das Ministerium für Industrie und Handel arbeitet an einem neuen Fahrplan, der unter anderem die Einführung regionaler Biermessen vorsieht. Diese sollen nach dem Vorbild der seit 2021 etablierten Weinmessen im ganzen Land stattfinden.

Quellen: Kommersant 1, 2, RBC, Interportfolio (alle RU)