Fokusanalyse

Russischer Kaffeemarkt boomt

Hintergrund

Die Kaffee-Branche ist das am dynamischsten wachsende Segment der russischen Gastronomie. Diese Entwicklung erklären Marktforscher mit der noch jungen Kaffeekultur in Russland und dem dementsprechend großen Marktpotenzial im größten Land der Erde. Wie gewaltig der Kaffee-Boom ist, verdeutlich der Vergleich zum Jahr 2017. Damals schenkten lediglich 8000 Lokale den Russen Kaffee ein. Mitte 2024 gab es dann bereits 13.000 Cafés, was einem Wachstum von 63% gegenüber 2017 entspricht, so das russische Wirtschaftsmagazin RBC. Die Statistik erfasst die Entwicklung von 1200 Gastronomieketten, darunter 400 Kaffeehaus-Ketten und Bäckereien.

Das Marktvolumen russischer Cafés und Bäckereien betrug im vergangenen Jahr 216 Mrd., umgerechnet 2,3 Mrd. Rubel, im Vergleich zu 182 Mrd. Rubel, 1,9 Mrd. Euro, im Vorjahr. Dem russischen Online-Kartendienst 2GIS zufolge zählten allein russische Millionenmetropolen 2023 über 15.000 Coffee-to-go-Spots.

Einen Cappuccino bitte

Russen trinken pro Kopf 60 Liter Kaffee im Jahr. Das ist deutlich weniger als in Deutschland, wo der Pro-Kopf-Verbrauch bei 163 Litern liegt. Insgesamt konsumierte Russland dem European Coffee Report zufolge im Jahr 2023 knapp 310.000 Tonnen Kaffee (+7%). Der Kaffeeverbrauch in Deutschland ist mit über 500.000 Tonnen der drittgrößte der Welt. Die USA (über 1,6 Mio. Tonnen) und Brasilien (rund 1,4 Mio. Tonnen) sind Weltmeister im Kaffeetrinken.

Das beliebteste Kaffeegetränk der Russen ist der Cappuccino – 40% aller Verkäufe entfallen auf Cappuccino, wie aus einer Studie des Softwareentwicklers für Händler und Dienstleister Atol hervorgeht. Es folgt der Latte macchiato mit 22%. Fast gleichauf liegen der Americano (16%) und die Moskauer Kreation Raf Coffee (15%). Das auf Espresso basierende Heißgetränk wurde Mitte der 1990er Jahre in einem Moskauer Kaffeehaus erfunden. Nach Angaben der Finanzplattform T-Pay der T-Bank (ehemalige Tinkoff-Bank) kostete der Kaffee im ersten Quartal 2025 im Schnitt 300 Rubel, dies entspricht einer Teuerung von 15%.

Größte Café-Ketten

Eine der meistbesuchten Café-Kette Russlands ist Schokoladniza, die ihr erstes Lokal 1964 im Zentrum Moskaus eröffnete. 2014 übernahm das Unternehmen seinen damaligen größten Konkurrenten Coffee House und sicherte sich damit einen Marktanteil von 50%. Die Café-Kette ist Teil der Unternehmensgruppe Schokoladniza, deren Umsatz vergangenes Jahr 14,6 Mrd. Rubel, 155,5 Mio. Euro, betrug.

Die am schnellsten expandierende Café-Kette Russlands ist Coffee Like. Ihr Umsatz belief sich 2023 auf 5,8 Mrd. Rubel, rund 62 Mio. Euro. Das Unternehmen betreibt russlandweit über 1100 Lokale. Allein im vergangenen Jahr verzeichnete das Lokal 283 Neueröffnungen. Stars Coffee, dass 2022 das Russlandgeschäft des US-amerikanischen Kaffee-Riesen Starbucks übernahm, betreibt mehr als 100 Lokale in mehreren Großstädten. Nach eigenen Angaben empfängt das Café täglich 23.000 Gäste. Ebenso beliebt ist die israelische Café-Kette Cofix mit russlandweit 280 Kaffeelokalen. Im vergangenen Jahr erzielte Cofix einen Umsatz von 2,75 Mrd. Rubel, 29 Mio. Euro, ein Anstieg von 10% zum Vorjahr.

Missernten treiben Börsenpreise

Der Medianpreis für 1 kg Kaffeebohnen im russischen Einzelhandel erreichte im Januar–Februar 2025 1419 Rubel, 15 Euro, was 26% über dem Preis von 2024 lag. Der Preis für löslichen Kaffee stieg um 15% auf 384 Rubel, 4 Euro, gemahlener Kaffee verteuerte sich um 16% auf 548 Rubel, knapp 6 Euro, und Kaffeekapseln um 7% auf 789 Rubel, 8,4 Euro, schreibt der Steuerdatenbetreiber Plaftforma OFD. Der aktuelle Durchschnittspreis für Kaffeebohnen und gemahlenen Kaffee mit Stand am 5. September beträgt in Russland 1843 Rubel, umgerechnet 19,6 Euro, je Kilogramm, ein Preisanstieg von 43 Rubel, 50 Cent, zum Vormonat.

Russlands importabhängiger Kaffeemarkt hängt stark von den globalen Börsenpreisen ab, an denen sich Kaffeehersteller bei der Preisbildung orientieren. Anfang 2025 schnellten die Börsenpreise in die Höhe: Ein Pfund der Sorte Arabica kostete 4,3 US-Dollar im Vergleich zu 1,5 US-Dollar im Jahr 2023. Die Teuerung betrug somit 70% – dies war der der höchste Wert seit 47 Jahren. Für den Preissprung machen Experten Missernten in zahlreichen Anbauländern und damit einhergehende Engpässe verantwortlich. Ein weiterer Faktor sind teure Lieferketten.

Spitzenführer im Einzelhandel

In den russischen Supermarktregalen dominiert Instant-Kaffee. Nach Angaben des Marktforschungsunternehmens Nielsen machte löslicher Kaffee von Juni 2024 bis Mai 2025 58% aller Kaffeeverkäufe im Einzelhandel aus. Allerdings verzeichneten Einzelhändler für diese Warengruppe einen Rückgang von 5% zum Vorjahreszeitraum. Gleichzeitig stellte das Analysehaus GfK im gesamten Kaffeehandel einen Zuwachs von rund 5% nach Menge und 14% nach Wert fest.

Anteile hinzugewonnen haben Filterkaffee (mehr als um das Zweifache), Kaffeebohnen (+11,5%) und Kaffeekapseln (+7%). Russische Konsumenten legten sich auch im vergangenen Jahr öfter Kaffeemaschinen zu, das Plus betrug 30%. Führend im Einzelhandel sind die zum niederländischen Kaffee- und Teehersteller JDE Peet’s gehörende Marke Monarch (ehemals Jacobs) und Nescafe des Schweizer Nahrungsmittelkonzerns Nestlé. Seit 2022 bietet das Unternehmen seine populäre Marke Nespresso für Kaffeekapseln und Kaffeemaschinen in Russland nicht mehr an.

Wichtige Kaffeelieferanten

Russland hat 2024 seinen Kaffee-Import im Vierjahresvergleich von 276.000 auf 286.000 Tonnen erhöht (+4%), geht aus Zahlen des Marktforschungsunternehmens BusinesStat hervor. Innerhalb von 20 Jahren steigerte das Land seinen Kaffee-Import um das 20-Fache. Zu Russlands Hauptlieferanten zählen Vietnam und Brasilien, die gemeinsam 60% des weltweiten Kaffee-Exports stemmen. Weitere Exporteure sind Kolumbien, Indonesien, Äthiopien und Honduras. Der größte Importanteil entfällt auf Rohkaffee, der zur Herstellung von Kaffee verwendet wird. Die gelieferten Vorprodukte verarbeiten russische Hersteller zu 160-170 Tonnen Kaffee pro Jahr, dies deckt laut Branchenkennern 80% der Nachfrage. Die restlichen 20% werden als Fertigprodukte eingeführt.

Quellen: RBC, Foodmarket, Moscow Barista School, Tadviser 1, 2, Atol, Online Patent, Rossijskaja Gaseta, Kommersant (alle RU), European Coffee report (EN)