Fokusanalyse

Lkw-Markt bricht ein, chinesische Konkurrenz für Tradititionsmarke Kamaz

2025-07-11 10:49
Hintergrund

Der russische Markt für Lastkraftwagen schrumpfte bereits im vergangenen Jahr, im ersten Halbjahr 2025 kam es zu einem regelrechten Absturz der Lkw-Verkäufe. Nach Angaben der russischen Branchenagentur Avtostat betrug der Absatz von schweren Lastkraftwagen ab 16 Tonnen im vergangenen Jahr 102.007 Einheiten. Dies stellt ein Minus von 19% gegenüber 2023 dar, als 125.000 Lkw verkauft wurden. Im laufenden Jahr setzt sich diese Tendenz fort. In der ersten Jahreshälfte wurden 27.000 schwere Lastwagen verkauft, was einem Einbruch von 54% gegenüber dem Vorjahreszeitraum entspricht.

Marktexperten erklären diese Entwicklung mit der instabilen Wirtschaftslage und einem Überangebot an Import-Lastwagen. Im vergangenen Jahr hätten Fahrzeuge aus China den Markt geflutet, dies erzeuge einen enormen Preisdruck in der Branche, sage Michail Matasow, stellvertretender Geschäftsführer beim führenden russischen Lastwagenhersteller Kamaz. Nach seiner Einschätzung haben sich bei den Verkäufern bis zu 40.000 Lkw aus chinesischer Produktion angehäuft, die später zu Dumpingpreisen veräußert werden könnten.

Gleichzeitig wurden im ersten Quartal dieses Jahres nur 1650 Laster nach Russland eingeführt – ein 7,5-facher Rückgang im Vergleich zu Vorjahreszeitraum. Nach Einschätzung von Branchenkennern könnte das Marktvolumen für schwere Lkw im Jahr 2025 um 23% auf 85.000 Einheiten gegenüber dem Vorjahr zurückgehen.

Für den Rückgang sind mehrere Faktoren verantwortlich: eingeschränkte Lieferungen bei Autoteilen, der derzeitige hohe Leitzins von 20% und die damit einhergehenden Finanzierungsschwierigkeiten von Unternehmen – allen voran Spediteuren, die Nutzfahrzeuge kaufen oder mieten. Experten rechnen damit, dass sich die Fahrzeugkomponenten um 10-20% gegenüber dem Vorjahr verteuern werden. Die Flaute ist aber auch auf einen allgemeinen Rückgang von Bauprojekten zurückzuführen, bei denen Logistikunternehmen besonders gefragt sind.

Verkaufsrating 2024 vs. 2020

Bis auf den russischen Autobauer Kamaz wird das Verkaufsranking 2024 ausschließlich von chinesischen Marken dominiert. Den höchsten Absatz erzielte die Automarke Sitrak des führenden chinesischen Lkw-Produzenten Sinotruk mit 19.409 Einheiten, dicht gefolgt von Kamaz, der 17.254 Lkw veräußerte. Dahinter reihen sich weitere Marken aus China ein: Shacman (15.729 Einheiten), FAW (11.605) und Dongfeng (8260).

In den ersten fünf Monaten dieses Jahres konnte Kamaz wieder Boden gutmachen und mit einem Marktanteil von 34% Sitrak an der Spitze ablösen. Der russischen Traditionsmarke gelingt es, sich auf dem schrumpfenden Lkw-Markt gegen die chinesische Konkurrenz zu behaupten. Das beliebteste, einzelne Fahrzeugmodell blieb jedoch der Lkw Sitrak C7H, auf den im Mai ein Anteil von 14% entfiel. Neben Kamaz zog mit dem belarussischen Lkw- und Bushersteller MAZ erstmals wieder ein nicht-chinesischer Marktführer in die Top 5 ein.

Vor fünf Jahren sahen die vorderen Platzierungen mit Ausnahme von Kamaz auf Rang eins noch ganz anders aus. Platz zwei belegte der russische Fahrzeughersteller aus Nischni Nowgorod GAZ. Dahinter machten sich mit den Marken Scania und Volvo zwei Schweden breit. Abgerundet wurde die Top 5 von der Lkw-Marke Ural, die im größten Werk für schwere Nutzfahrzeuge Russlands, Uralski Awtomobilny Sawod, produziert wird.

Konkurrenz lockt mit Preisen

Chinesische Fahrzeuge locken mit günstigen Angeboten. Nach Angaben von Experten kann der Preisunterschied zur europäischen Konkurrenz 30-40% betragen. Ein Sattelschlepper der chinesischen Marke Shacman zum Beispiel ist für sieben bis 15 Mio. Rubel, rund 76.000 bis 163.000 Euro, zu haben. Käufer eines Lkws des schwedischen Nutzfahrzeuge-Herstellers Scania, die lediglich über Parallelimporte ins Land gelangen, müssen hingegen 17 bis 20 Mio. Rubel, 185 000 bis 217.000 Euro, hinlegen. Doch nicht nur niedrigere Preise bedingen den Erfolg chinesischer Autos. Laut Branchenvertretern setzen Hersteller aus China neue Technologien ein, lernen von führenden Lkw-Herstellern und nutzten eigene Ausrüstung, die 20% bis 50% weniger kostet als die der europäischen Wettbewerber.

Rückzug der Big 7

Die Sanktionslawine traf auch westlichen Auto- und Lastwagenhersteller, die zuvor eine starke Stellung im russischen Markt hatten. Ein großer Player nach dem anderen zog sich aus den russischen Automobilmarkt zurück und versetzte die Branche in eine Schockstarre. Ihren Abschied erklärten auch die Lkw-Riesen der „Big 7 aus Europa“, auf die 2021 ein Marktanteil von 25% entfiel. Zu den Big 7 zählen die Marken DAF aus den Niederlanden, Iveco aus Italien, MAN und Mercedes-Benz Truck (Daimler Truck) aus Deutschland, Renault Truck aus Frankreich und die bereits erwähnten Scania und Volvo aus Schweden.

Die Tochter der Mercedes-Benz Group, Daimler Truck, hatte im März 2022 ihre Aktivitäten in Russland eingefroren. Ihre Beteiligung am russischen Nutzfahrzeughersteller Kamaz in Höhe von 15% verkaufte das deutsche Unternehmen Anfang 2024. Damit zog sich Daimler als letzter der großen westlichen Autobauer aus Russland zurück. Seit Ende Juni steht Daimler Truck auf der russischen Sanktionsliste.

Das Aus für Gemeinschaftsprojekte

Der Exodus ausländischer Automarken aus Russland bereitete zahlreichen gemeinsamen Projekten ein Ende. Dieses Schicksal ereilte zum Beispiel das deutsch-russische Joint Venture Daimler Kamaz Rus in Nabereschnyje Tschelny in der Republik Tatarstan. In Rahmen des Projekts wurde das erfolgreiche Modell Kamaz-5490 (K4) auf Basis des Trucks Mercedes-Benz Axor gefertigt.

Dank der einstigen Zusammenarbeit mit Daimler Truck konnte der Branchenprimus Kamaz seinen Marktanteil bei Sattelschleppern von 26% im Jahr 2019 auf 65% im folgenden Jahr steigern. Die Produktion des Lkws der nächsten Generation, Kamaz-54901 (К5), hat der russische Autobauer trotz Marktexits seines Partners nicht aufgegeben. Seit 2020 in Serienfertigung, stand die Produktion des neuen Sattelschleppers auf Basis des Lkws Mercedes-Benz Actros zeitweise auf der Kippe. Kamaz stieg notgedrungen auf Autozulieferer aus sogenannten freundlichen Ländern um, die keine Sanktionen gegen Russland verhängt haben, und steigerte seine Lokalisierungsrate nach eigenen Angaben auf 70%.

In den ersten drei Monaten 2025 schrieb Kamaz rote Zahlen: Der Nettoverlust betrug 12,46 Mrd. Rubel, rund 135 Mio. Euro, im Vergleich zu 1,44 Mrd. Rubel Nettogewinn, 15,2 Mio. Euro, im Vorjahreszeitraum. Der Umsatz ging um rund 29% auf 58 Mrd. Rubel, 630,6 Mio. Euro, zurück. Für das Gesamtjahr 2024 betrug der Reingewinn 731 Mio. Rubel, 7,9 Mio. Euro, gegenüber 20,4 Mrd., 221,8 Mio. Euro, im Jahr 2023. Das Unternehmen erklärte diese Zahlen mit Ausgaben für die Modernisierung seiner Fahrzeuge und Importsubstitution von Autoteilen.

Quellen: RZD-Partner 1, 2, BAMAP, Kommersant, Interfax, PAK, Monocle (alle RU)