Im Oktober erließ US-Präsident Trump die ersten Russland-Sanktionen seiner zweiten Amtszeit. Dabei setzte er auf ein Mittel, zu dem erstmals sein Vorgänger Joe Biden wenige Tage vor seinem Ausscheiden aus dem Weißen Haus gegriffen hatte: direkte Sanktionen gegen die großen russischen Ölproduzenten. Für die russischen Exporteure bedeuteten die Sanktionen bisher vor allem höhere Preisabschläge auf ihr Öl. Dem sanktionierten Lukoil droht auch noch der Verlust seiner Auslandsgeschäfte.
Trump überrascht mit Ölkonzern-Sanktionen
Am 22. Oktober überraschte die US-Regierung unter Präsident Donald Trump die Welt mit ihren ersten eigenen Sanktionen gegen Russland. Sie zielten auf das Herz der russischen Wirtschaft, auf die beiden größten Ölkonzerne Rosneft und Lukoil. Selbst für Russlands Präsident Wladimir Putin kamen die Sanktionen unerwartet, wie er Ende November einräumte. Er habe „nicht einmal verstanden, was vor sich geht“, sagte er bei einem Besuch in Kirgisistan.
Aus Angst vor steigenden Ölpreisen hatten die westlichen Länder lange bei Maßnahmen gegen russische Ölproduzenten gezögert. Stattdessen setzten sie vor allem auf den Ölpreisdeckel, der die russischen Exporteinnahmen mindern sollte, ohne zu einer Knappheit auf den Weltmärkten zu führen, sowie auf Maßnahmen gegen Öltanker der sogenannten russischen Schattenflotte. Anfang 2025 gingen die USA erstmals weiter. Am 10. Januar verhängte die scheidende Regierung unter Joe Biden Sanktionen gegen den drittgrößten russischen Ölproduzenten, Gazprom Neft, und den viertgrößten, Surgutneftegaz. Das war zehn Tage vor Donald Trumps Amtseinführung.
Die Biden-Sanktionen gegen Gazprom Neft und Surgutneftegaz traten mit sofortiger Wirkung in Kraft. Dennoch reagierte die Börse in Moskau damals gelassen. Russische Analysten erklärten dies auch mit der Erwartung der Anleger, dass Trump die Maßnahmen zumindest teilweise wieder lockern würde. Der Ölpreis stieg von rund 77 Dollar pro Barrel am 9. Januar auf 82 Dollar am 15. Januar, also um rund 6,5%. Bis zum Monatsende fiel er aber wieder unter 76 Dollar pro Barrel.
Die Trump-Sanktionen richteten sich gegen die Nummer Eins unter den russischen Ölproduzenten, den Staatskonzern Rosneft, und gegen Lukoil. Dieses ist nicht nur der zweitgrößte Ölproduzent, sondern auch das mit Abstand größte Privatunternehmen Russlands. Das Finanzministerium setzte beide auf seine schwarze Liste, die sogenannte SDN-Liste, was die Blockade ihrer Vermögenswerte in den USA nach sich zieht. Vor allem müssen ihre Geschäftspartner auf der ganzen Welt jetzt befürchten, selbst das Ziel von amerikanischen Sekundärsanktionen zu werden. Für die Abwicklung der Geschäfte mit Rosneft und Lukoil gewährten die USA diesmal eine Frist von einem Monat. Im Falle von Lukoil, das in der Folge den Verkauf seiner Auslandsaktiva ankündigte, wurde die Frist zunächst bis zum 13. Dezember und anschließend erneut bis zum 16. Januar 2026 verlängert.
Russisches Öl unter Druck
Bereits einige Tage vor dem Inkrafttreten der Sanktionen gegen Rosneft und Lukoil zeigte sich das US-Finanzministerium zufrieden mit ihrer bisherigen Wirkung. Wie beabsichtigt, seien die Preise für russisches Öl und mit ihnen auch die russischen Staatseinnahmen gesunken, schrieb das Ministerium in seiner Mitteilung. Am 12. November hatte ein Barrel der russischen Sorte Urals an den Schwarzmeerhäfen nur knapp über 45 Dollar gekostet – so wenig wie seit März 2023 nicht mehr. Der Abstand zur Nordseesorte Brent betrug rund 18 Dollar pro Barrel.
Auch die russische Zentralbank bestätigte den Preisrutsch beim russischen Öl. Ihren Daten zufolge stieg der Preisabschlag von Urals gegenüber Brent von 17% im Oktober auf 23% im November. Im 2. und 3. Quartal hatte der Abschlag bei 15% gelegen. Die Zentralbank macht in ihrem Ende November veröffentlichten Finanzmarktbericht ausdrücklich die neuen US-Sanktionen gegen die „größten Exporteure von russischem Erdöl“, also gegen Rosneft und Lukoil, verantwortlich.
Der Preisdruck beim russischen Öl setzte sich auch im Dezember fort, konstatierte Mitte des Monats der Brüsseler Rohstoffanalyst Kpler. Besonders sichtbar war das bei der russischen Premiumsorte ESPO, deren Export nach Asien und insbesondere nach Indien geht. Vor den Sanktionen wurde sie für rund 2 Dollar mehr pro Barrel gehandelt als die Referenzsorte Brent. Zwei Wochen nach ihrem Inkrafttreten hatte sich die Preisprämie in einen Abschlag von mehr als 6 Dollar pro Barrel verwandelt.
Die Preisabschläge wurden diesmal nicht durch einen starken Anstieg der Ölpreise insgesamt abgemildert. In der zweiten Dezemberwoche kostete ein Barrel Brent zwischen 61 und 62 Dollar und war sogar um 1 bis 2 Dollar günstiger als vor Inkrafttreten der Sanktionen gegen Rosneft und Lukoil. In den ersten Tagen nach der Bekanntgabe der Sanktionen am 22. Oktober hatte der Brentpreis von 61 Dollar auf knapp unter 67 Dollar pro Barrel angezogen. Der Anstieg um knapp 9% war tatsächlich ein Zeichen der Gelassenheit auf den Märkten, urteilte damals der Rohstoffanalyst der Nachrichtenagentur Reuters, Clyde Russell. Seiner Einschätzung nach wären die Preise weit stärker gestiegen, falls die Marktteilnehmer eine reale Ausfallgefahr für die rund 3,5 Mio. Barrel Öl gesehen hätten, die Rosneft und Lukoil bis zum damaligen Zeitpunkt zusammen täglich exportierten.
Tatsächlich haben die beiden Hauptabnehmer von russischem Erdöl, China und Indien, ihre Importe seitdem nur geringfügig reduziert, stellt Kpler fest. Eine durchschlagende Wirkung zeigten die Sanktionen bisher vor allem in Richtung der Türkei. Der bisher drittgrößte Abnehmer von russischem Öl hatte im Oktober laut Kpler noch 370.000 Barrel pro Tag aus Russland importiert. Im November sank das Volumen auf 200.000 Barrel und fiel in den ersten Dezembertagen auf nur noch 100.000 Barrel pro Tag. Rosneft und Lukoil gehören nicht mehr zu den Lieferanten. An ihre Stelle sind zwei nicht sanktionierte russische Unternehmen getreten, Tatneft und Rusvietpetro.
Lukoil besonders schwer getroffen
In den ersten Wochen nach der Bekanntgabe der Sanktionen gab der Aktienkurs von Rosneft an der Moskauer Börse um rund 10% nach, während Lukoil zunächst um 20% einbrach, womit die Aktie auch den gesamten Leitindex der Moskauer Börse, IMOEX, stark belastete. Wegen des hohen Anteils an Aktien in Streubesitz hat Lukoil einen Anteil von 13,3% am Index. Höher ist er nur bei der Sberbank mit 13,7%, während Rosneft auf 3,1% kommt. Mitte Dezember notierte die Rosneft-Aktie weniger als 4% unter dem Wert vom 20. Oktober. Lukoil konnte seine Verluste bis auf rund 12% verringern, nachdem der Verwaltungsrat Mitte November eine Zwischendividende mit einer Rendite von 7,2% beschlossen hatte.
Dass die Sanktionen Lukoil stärker treffen als Rosneft, liegt an der großen Bedeutung des Auslands für sein Geschäft. Zwar fördert es sein Öl hauptsächlich im Inland, doch der Absatz erfolgt fast ausschließlich im Ausland. So belief sich die Förderung in Russland im vergangenen Jahr auf 76,5 Mio. Tonnen bei einer Gesamtförderung von 80,4 Mio. Tonnen Erdöl. Zugleich realisierte das Unternehmen 98,5% seines gesamten Ölabsatzes in Höhe von 60,5 Mio. Tonnen im Ausland. Zudem tragen die Auslandsaktiva rund 15% zum Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (EBITDA) von Lukoil bei, schätzt die russische Investmentfirma Finam.
Der Investmentstratege des russischen Finanzunternehmens Garda Capital Alexander Bachtin schätzt den Anteil des Auslandsgeschäfts bei Lukoil sogar auf 20%. Lukoil ist nicht nur der größte private Ölproduzent Russlands, sondern auch das mit Abstand umsatzstärkste Privatunternehmen des Landes insgesamt. Um die Gefahr einer Einverleibung durch russische Staatskonzerne zu verringern, fokussierte es sich viele Jahre lang auf Investitionen im Ausland, sagte Bachtin gegenüber Forbes Russia. Im Gegensatz zu Rosneft habe Lukoil auch keinen Zugang zu den Ölpipelines nach China und sei daher stärker auf die ausländischen Abnehmer und ihre Infrastruktur angewiesen, so der Experte.
Käufer für Lukoil-Aktiva gesucht
Zu den ausländischen Vermögenswerten, die Lukoil nach den Sanktionen zum Verkauf gestellt hat, gehören Erkundungs- und Förderprojekte in Zentralasien, Südamerika, Afrika und dem Nahen Osten. Insbesondere eine 75%-Beteiligung am Ölfeld West Qurna 2 im Irak, einem der größten der Welt, sticht hervor. Hinzu kommen zwei Raffinerien in Bulgarien und Rumänien und eine 45%-Beteiligung an einer weiteren Raffinerie in den Niederlanden. Von den weltweit mehr als 2000 Tankstellen von Lukoil befinden sich 430 in Finnland, mehr als 300 in Rumänien und rund 200 in den USA.
Der Gesamtwert dieser Aktiva wird in westlichen Medien meist auf 22 Mrd. Dollar beziffert. Analysten des russischen Brokers BCS schätzen ihren Wert auf 900 Mrd. Rubel (9,7 Mrd. Euro), die Investmentfirma Finam hält 12 Mrd. Dollar für einen realistischen Preis für alle Auslandsaktiva von Lukoil.
USA blockieren Gunvor-Deal Eigentlich hatte das russische Unternehmen schon wenige Tage nach der Verkaufsankündigung einen Käufer für die Auslandsaktiva präsentiert. Am 30. Oktober teilte Lukoil mit, ein Kaufangebot des Schweizer Rohstoffhändlers Gunvor erhalten und es akzeptiert zu haben. Das US-Finanzministerium lehnte diese Variante jedoch ab, weil es bei Gunvor eine Nähe zum Kreml vermutete. Auf seinem Kanal auf X bezeichnete es Gunvor als „Marionette des Kreml“. Die Skepsis gründet auf der Geschichte von Gunvor und seiner Beziehung zu Gennadij Timtschenko, der als Freund von Wladimir Putin gilt. Der russische Milliardär hatte Gunvor gemeinsam mit dem Schweden Torbjörn Törnkvist gegründet. Nachdem die USA im Jahr 2014 Sanktionen gegen ihn verhängt hatten, verkaufte Timtschenko allerdings seine Gunvor-Anteile an Törnkvist. Offenbar konnte Gunvor die US-Regierung nicht überzeugen, dass nach Timtschenkos Ausstieg alle Verbindungen zum Kreml abgerissen waren. Lukoil musste sich einen anderen Käufer für seine Aktiva suchen.
US-Multis, Öl-Scheichs und ein Porno-Milliardär Mittlerweile haben Rumänien und Bulgarien Gesetze erlassen, die eine Verstaatlichung der Lukoil-Aktiva in ihren Ländern ermöglichen. Die Regierung in Sofia hat für die Lukoil-Raffinerie in Burgas, die mit einer Kapazität von 190.000 Barrel pro Tag die größte auf dem Balkan ist, bereits einen staatlichen Verwalter eingesetzt. Derweil treibt Ungarn eine Übernahme dieser Aktiva durch den ungarischen Öl- und Gaskonzern MOL voran, wie das Brüsseler Politikportal EUobserver Mitte Dezember berichtete. Die Ungarn zählen damit zu den Kaufinteressenten für die Auslandsaktiva, neben den US-amerikanischen Ölmultis Exxon und Chevron, dem US-Investment-Giganten Carlyle, einer Beteiligungsgesellschaft aus dem Emirat Abu Dhabi und dem österreichischen Investor Bernd Bergmair. Der Milliardär war bis 2023 Mehrheitseigentümer von Pornhub und einer Reihe weiterer größer Internet-Porno-Portale.
Aktientausch statt Cash
Während die meisten potenziellen Käufer jeweils nur einen Teil der Auslandsaktiva übernehmen wollen, bevorzugt Lukoil einen Verkauf als Gesamtpaket, erfuhr der Wirtschaftsdienst Bloomberg. Das ist einer der Gründe, warum die Investmentbank Xtellus nach Informationen der Nachrichtenagentur Reuters mit Stand von Mitte Dezember die besten Karten im Wettlauf um die Lukoil-Aktiva hat. Der New Yorker Finanzdienstleister hat dem US-Finanzministerium vorgeschlagen, die Aktiva mit Lukoil-Aktien zu bezahlen, die noch von US-Investoren gehalten werden. Damit könnten die Verluste der US-Aktionäre kompensiert werden, argumentiert Xtellus. Insbesondere die großen Vermögensverwalter BlackRock, JPMorgan und Goldman Sachs verloren nach dem 24. Februar 2022 mehrere Milliarden Dollar, weil sie von ihnen gehaltene russische Aktien, darunter auch von Lukoil, abschreiben mussten, erklärt Reuters.
Das bargeldlose Geschäft wäre auch für Lukoil attraktiv, da es damit rechnen muss, dass ein Verkaufserlös in Form von Geldmitteln auf ausländischen Konten eingefroren bleibt. Der Xtellus-Vorschlag hat aber auch Nachteile. Aufgrund seiner Komplexität müssten die Namen der Lukoil-Aktionäre offengelegt werden. Außerdem könnte das Geschäft nicht nur die Zustimmung des US-Finanzministeriums, sondern auch von Wladimir Putin erfordern, schreibt Reuters. Dabei hat der russische Präsident den Handel mit russischen Aktien im Jahr 2022 verboten.
Lukoil engagiert Trump-Berater
Die USA und Lukoil dürften sich bald auf einen Käufer für die Aktiva einigen. Dafür spricht jedenfalls nach Einschätzung von Beobachtern, dass Lukoil einen ehemaligen Weggefährten von Donald Trump engagiert hat, um die Verhandlungen mit der US-Regierung zu führen, wie die US-Zeitung Politico berichtet. Brian Lanza war während des Präsidentenwahlkampfs 2024 ein leitender Berater von Trump, so der Bericht. Einen ersten Erfolg haben er und seine Firma Mercury Public Affairs bereits verbucht, so der Bericht. Sie sollen dabei geholfen haben, die Frist für den Verkauf der Lukoil-Aktiva bis zum 17. Januar 2026 zu verlängern. Sollte der Verkauf bis dahin nicht gelingen, drohen die Lukoil-Aktiva außerhalb Russlands in einen rechtlichen Schwebezustand zu geraten, berichtet Reuters. Sie könnten nicht verkauft werden und liefen Gefahr, von den lokalen Behörden in den jeweiligen Ländern eingezogen zu werden. Lukoil könnte aber auch auf einen Verkauf verzichten und später vor Gerichten auf Entschädigung klagen. Dafür müssten aber nach Einschätzung von Reuters zunächst die Sanktionen gegen das Unternehmen aufgehoben werden.