Fokusanalyse

Russland-Aserbaidschan: Handel wächst trotz politischer Spannungen

2025-07-30 14:02
Analyse

Landbrücke zum Iran

Die jüngsten Spannungen zwischen Russland und Aserbaidschan nach dem Tod zweier des Mordes verdächtiger Aserbaidschaner im Polizeigewahrsam in Jekaterinburg haben die Bedeutung der russisch-aserbaidschanischen Beziehungen ins Licht der Öffentlichkeit gerückt. Neben kulturellen und geopolitischen Faktoren spielen wirtschaftliche Aspekte seit Jahrhunderten eine wichtige Rolle.

Seit 1991 ein international anerkannter Staat, zählt Aserbaidschan rund 10 Millionen Einwohner auf 86.600 Quadratkilometern, was der gemeinsamen Fläche von Thüringen und Bayern entspricht. Aserbaidschan war schon früher für Russland eine Landbrücke für den Handel mit Iran und ein Energielieferant. Bereits im Mittelalter war Erdöl, das für „Griechisches Feuer“ sorgte, ein wichtiges Exportgut der aserbaidschanischen Halbinsel Abseron, der Region um Baku.

Aserbaidschan wurde im 11. Jahrhundert in das türkische Seldschukenreich eingegliedert. Nach dessen Zerfall im 14. Jahrhundert war das Land von feudaler Zersplitterung in Khanate geprägt. Dies verzögerte die Bildung einer aserbaidschanischen Nation. In den persisch-russischen Kriegen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts kam das heutige Aserbaidschan unter russische Herrschaft, Russisch wurde mehr und mehr zur Alltagssprache. Südaserbaidschan blieb bei Iran, bis heute eine latente Quelle von Konflikten zwischen beiden Ländern.

Im Zuge des Zerfalls des russischen Imperiums durch die russische Revolution ab 1917 formierte sich Aserbaidschan im Mai 1918 erstmals als unabhängiger Nationalstaat. Doch war die Unabhängigkeit nur von kurzer Dauer. Im April 1920 übernahm die Rote Armee die Kontrolle über das Land. Bei der Gründung der Sowjetunion im Dezember 1922 trat Aserbaidschan dem multinationalen Unionsstaat als Aserbaidschanische Sozialistische Sowjetrepublik bei. Die Sowjetunion investierte in großem Umfang in die aserbaidschanische Ölförderung und petrochemische Industrie. 1941 lieferte Aserbaidschan 75% der gesamten sowjetischen Ölproduktion. Daher richtete Hitlerdeutschland im Spätsommer und Herbst 1942 seinen militärischen Vorstoß in den Kaukasus auf die Unterbrechung der Ölzufuhr aus Baku.

Erst in den Sechzigerjahren nahm mit der Erschließung der westsibirischen Ölfelder die Bedeutung des aserbaidschanischen Öls für die sowjetische Volkswirtschaft ab. Durch den Zerfall der Sowjetunion wurde Aserbaidschan im Oktober 1991 erneut ein unabhängiger Staat, zunächst erschüttert von inneren Unruhen, bis der frühere aserbaidschanische KP-Chef und KGB-General Gejdar Alijew, Vater des jetzigen Präsidenten Ilcham Alijew, im Jahre 1993 Staatschef wurde. Er sorgte für gutnachbarliche Beziehungen zu Russland und übergab die Amtsgeschäfte kurz vor seinem Tod 2003 seinem Sohn.

Handelsvolumen auf Rekordniveau

Aserbaidschan ist für Russland nach wie vor ein bedeutender Handelspartner. Im vergangenen Jahr erreichte der Warenaustausch mit 4,8 Mrd. US-Dollar ein Rekordniveau – ein Plus von 10,1% gegenüber dem Vorjahr. 2025 könnte das Handelsvolumen die Marke von 5 Mrd. US-Dollar überschreiten.
Das Streben nach Konsens auch bei Differenzen ist generell der gemeinsame Nenner in den wirtschaftlichen Beziehungen beider Länder. Die von den Führungen beider Länder seit den Neunzigerjahren kontinuierlich verfolgte Grundlinie besteht darin, die ökonomischen Interessen nicht zum Instrument politischer Konflikte zu machen. Dies erlaubt die Prognose, dass Aserbaidschan und Russland auch weiterhin auf stabilen Handel und Investitionsprojekte zwischen beiden Ländern setzen werden.

Russland drittgrößter Handelspartner Aserbaidschans

Nach der Ukrainekrise 2014 und dem Start westlicher Sanktionen gegen Russland sank der russisch-aserbaidschanische Handel 2015 auf 2,8 Mrd. US-Dollar gegenüber 4 Mrd. Dollar im Vorjahr. Seitdem hat sich der bilaterale Warenverkehr stark erhöht. 2024 stieg er auf 4,8 Mrd. US-Dollar und lag damit über dem Wert von 2014. Im ersten Quartal 2025 wurden bereits 1,82 Mrd. US-Dollar umgesetzt, ein Plus von 39% gegenüber dem Vorjahr. Russland bleibt damit nach Italien und der Türkei der drittgrößte Handelspartner Aserbaidschans. Auf russische Güter entfallen 18% bis 20% der aserbaidschanischen Einfuhren.

Russland exportiert vor allem Weizen, Maschinen, Fahrzeuge, Eisen- und Buntmetalle, Holz sowie Papier. Aus Aserbaidschan kommen dagegen landwirtschaftliche Erzeugnisse, Textilien, Baumwolle und in steigendem Maße Erdgas nach Russland. 2024 machten aserbaidschanische Exporte nach Russland 1,18 Mrd. US-Dollar und damit 4,4% des gesamten aserbaidschanischen Exports aus, während russische Exporte nach Aserbaidschan 3,62 Mrd. US-Dollar erreichten.
Trotz zeitweiliger politischer Spannungen, etwa nach dem versehentlichen Abschuss einer aserbaidschanischen Passagiermaschine im Dezember 2024 haben beide Staaten eine Eskalation und damit einen Schaden ihrer außenwirtschaftlichen Beziehungen vermieden. Offenkundig ist, dass das blockfreie Aserbaidschan, dass keine Ambitionen zeigt, der NATO beizutreten, in Moskau keine geopolitischen Aversionen oder Bedrohungsperzeptionen auslöst.

Russische Direktinvestitionen in Aserbaidschan

Russland ist ein bedeutender ausländischer Investor in Aserbaidschan. Rund 9% der Auslandsinvestitionen im Lande stammen aus der Russischen Föderation. Ihr Umfang betrug Mitte 2024 offiziell 5,7 Mrd. US-Dollar. Diese Kapitalanlagen betreffen vor allem den Energiesektor, aber auch den Maschinenbau, Kraftfahrzeuge und Eisenbahntechnik sowie den Finanzsektor. Von wachsender Bedeutung bei den russischen Investitionen ist die Pharmaindustrie. So fließen rund 2,7 Mrd. US-Dollar in Nicht-Öl-Sektoren wie Pharma, Logistik und den Agrarbereich. Das 2019 eröffnete Werk des russischen Pharmaproduzenten R-Pharm in Aserbaidschan soll ab 2026 erstmals Insulin lokal herstellen.
In Aserbaidschan sind mehr als 1800 Firmen mit russischem Kapital registriert – darunter Schwergewichte wie die Energieriesen Gazprom und Lukoil, die staatliche VTB-Bank und der Autohersteller AvtoVAZ. In Gadschigabul rollen jährlich bis zu 1500 GAZ-Transporter vom Band und es laufen Projekte zur Montage von KAMAZ- und Ural-Lastwagen. Bereits 2021 wurde ein Werk für den Bau von Kleinlastwagen des Typs „Gazelle“ eingeweiht. Ein tragendes Element der Kooperation im Energiesektor ist die 1997 in Betrieb genommene Baku-Noworossijsk-Pipeline, die das russische Unternehmen Transneft und der aserbaidschanische staatliche Energiekonzern Socar gemeinsam betreiben. Der Öltransport über diese Trasse schwankt in den letzten Jahren zwischen jährlich 600.000 und 1,4 Mio. Tonnen.

Nord-Süd-Transportkorridor, Tourismusboom

Flaggschiff der Kooperation ist der Internationale Nord-Süd-Transportkorridor. Dieser Korridor ist eine rund 7200 Kilometer lange Transitroute, die Russland über Aserbaidschan und den Iran mit Indien und dem Persischen Golf verbindet. Als Alternative zum Suezkanal soll diese Route den Warenverkehr zwischen Europa, Russland und Südasien beschleunigen. Ein Regierungsabkommen vom Dezember 2024 zwischen Russland, Iran und Aserbaidschan ist darauf angelegt, den Güterfluss zu koordinieren und künftig bis zu 15 Mio. Tonnen Fracht pro Jahr über Russland, Aserbaidschan und Iran bis zum iranischen Hafen Bandar Abbas zu bringen.

Eine wesentliche Voraussetzung für den Erfolg des Projekts ist der Bau und die Fertigstellung der Eisenbahnstrecke Rasht-Astara, die den iranischen Teil des Korridors mit Aserbaidschan verbindet und damit eine durchgehende Schienenverbindung für den Transitverkehr schaffen würde. Dabei ist die Kooperation mit Russland nur eine Variante für Aserbaidschan, das sich bemüht, seine Transportkorridore und Handelspartnerschaften zu diversifizieren. So hat der aserbaidschanische Präsident Ilcham Alijew Armenien Ende Juli aufgefordert, den Sangesur-Korridor zu öffnen, um einen Transit durch Armenien zu ermöglichen. Anderenfalls drohe Armenien seine Bedeutung als Transitland zu verlieren, so der aserbaidschanische Staatschef.

Darüber hinaus hat Alijew die Schaffung einer weiteren Verkehrstrasse ohne Teilnahme Russlands angekündigt. Gemeint ist damit die Fertigstellung einer Bahntrasse, die Aserbaidschan mit Iran verbindet. Der aserbaidschanische Teil dieser Trasse soll bis zum kommenden Frühjahr fertiggestellt werden. Geplant ist damit, Aserbaidschan für Bahntransporte mit Iran und der Türkei zu verbinden.

Parallel vertiefen sich über den Waren- und Kapitalaustausch hinaus auch persönliche und kulturelle Verbindungen zwischen Russland und dem Nachbarland, in dem ein Großteil der Bevölkerung noch Russisch spricht. Im vergangenen Jahr reisten 730.000 Russen nach Aserbaidschan. Das entspricht 28% aller einreisenden Besucher. Beliebt bei Russen sind Badeaufenthalte am warmen Kaspischen Meer. Um die traditionellen kulturellen Bande zwischen beiden Ländern auch für die Zukunft zu festigen, betreibt die Moskauer Lomonossow-Universität seit 2008 eine Außenstelle in Baku. Zudem sind mehr als 7000 aserbaidschanische Studierende an russischen Hochschulen eingeschrieben.

Die Reichen und die Schönen

In der russischen Unternehmerschaft spielen Geschäftsleute aserbaidschanischer Herkunft eine beträchtliche Rolle. Auch unter den 200 vermögendsten Russen gibt es einige Großunternehmer mit aserbaidschanischen Wurzeln. Darunter den Präsidenten des Ölkonzerns Lukoil, Wagit Alekperow, der laut Forbes über ein Vermögen von 28,7 Mrd. US-Dollar verfügen soll, gefolgt von den beiden Immobilienunternehmern God Nisanow und Sarach Ilijew mit jeweils 4,2 Mrd.US-Dollar. Zu den führenden Männern im Business aserbaidschanischer Herkunft in Russland gehört auch Aras Agalarow, dessen Crocus Group vorwiegend im Developement und Bauwesen engagiert ist, aber auch im Konzert-Management. Aktiv im Showbusiness und im Restaurant- und Resort-Geschäft ist Agalarows Sohn Emin, Jahrgang 1979.

Der mit zahlreichen Preisen dekorierte Musiker präsentierte sich 2013 gemeinsam mit seinem Vater und Donald Trump beim Moskauer Wettbewerb „Miss Universum“. Für Schlagzeilen sorgte Agalarow junior 2006 auch durch seine Heirat mit der ältesten Tochter des aserbaidschanischen Präsidenten, Leila Alijew, und durch die Scheidung von ihr neun Jahre später. Zum Ehe-Aus ließ Emir Agalarow im Management-Jargon verlautbaren, das Paar habe sich „im gegenseitigen Einvernehmen“ getrennt.

Quellen: Kommersant 1, 2, Vedomosti, RBC (alle RU), Azernews (EN)