Fokusanalyse

Russische Fleischwirtschaft: Rekordkonsum, Rekordproduktion und Rekordpreise

2025-11-17 11:30
Hintergrund

In den Herbstmonaten 2025 stiegen die Preise für Fleisch in Russland sprunghaft. Besonders stark betroffen war der Geflügelsektor: Der Großhandelspreis für Hähnchenfleisch stieg im September im Vergleich zum Vorjahr um rund 30% und erreichte etwa 190 Rubel, rund 2 Euro, pro Kilogramm. Im Oktober erhöhte sich der Preis für eine Schweinekeule kurzfristig über die Marke von 340 Rubel, 3,70 Euro, pro Kilogramm – ein Jahr zuvor lag der Preis noch bei 260 Rubel, nach aktuellem Umrechnungskurs 2,80 Euro.

Zu den wesentlichen Ursachen gehörten laut einer Analyse der Wirtschaftszeitung RBC gestiegene Produktionskosten. Futtermittel wie Getreide und Soja verteuerten sich deutlich, verstärkt durch logistische Probleme, Exportzölle und Währungsschwankungen.

Ein weiterer Faktor waren die Finanzierungsbedingungen. Laut RBC-Analysen bremsten hohe Leitzinsen und teure Kredite die Investitionsmöglichkeiten der Produzenten. Modernisierungs- und Expansionsprojekte verzögern sich, wodurch die Fähigkeit sinkt, Kostendruck über Effizienzgewinne abzufedern. Gleichzeitig boomt der Fleischexport: 2024/25 stiegen die Lieferungen nach China und in andere asiatische Märkte um fast 50%.

Mehr Fleischkonsum als je zuvor

Im vergangenen Jahr 2024 lag der durchschnittliche Fleischverbrauch bei 83 Kilogramm pro Kopf und damit so hoch wie noch nie. Nach Angaben von Sergeij Juschin, Vorsitzender des Nationalen Fleischverbands (NMA), wird auch 2025 mit einem weiteren leichten Anstieg gerechnet. Zu Beginn der 2000er-Jahre lag der Pro-Kopf-Verbrauch noch bei rund 50 Kilogramm. Russen essen heute mehr als 60% mehr Fleisch als vor 25 Jahren. Der langfristige Trend zeigt, dass der Fleischkonsum selbst in Phasen sinkender Realeinkommen, wie nach den Krisen 2008 oder 2014, weiter zunahm. Einer der Gründe ist, dass Fleisch weniger stark im Preis stieg als andere Lebensmittel: Seit 2016 verteuerte sich Schweinefleisch um etwa 25%, während die allgemeine Nahrungsmittelinflation bei etwa 64% lag.

International liegt Russland damit klar über dem weltweiten Durchschnitt von etwa 42 Kilogramm pro Kopf. Mit 83 Kilogramm konsumieren Russen außerdem deutlich mehr Fleisch als Deutsche, die 2024 im Schnitt bei 53,2 Kilogramm lagen. Der Anstieg in Deutschland um 0,6% im Vergleich zum Tiefstand von 2023 erklärt sich vor allem durch eine höhere Nachfrage nach Geflügel, während Schwein und Rind weitgehend stagnieren. Amerikaner konsumieren mit 120 Kilogramm pro Kopf mehr als doppelt so viel Fleisch wie die Deutschen und 45% mehr als Russen.

Russen entdecken das Schwein neu

Im Jahr 2024 entfielen von den etwa 83 Kilogramm Gesamtverbrauch pro Kopf rund 44% auf Geflügel und etwa 38% auf Schweinefleisch. Rindfleisch blieb mit 16% abgeschlagen, da Rindfleisch wesentlich teurer ist und die Bestände rückläufig sind. Vor allem Schweinefleisch gewann seit 2022 spürbar an Bedeutung: Sein Anteil stieg von einem Drittel auf nahezu 40% des gesamten Fleischkonsums. Auch ein stärkeres Angebot spielte eine Rolle, da die Produktionsmengen im Schweinesektor über mehrere Jahre hinweg kontinuierlich ausgeweitet wurden.

Die russische Fleischproduktion wird von wenigen großen Agrarholdings dominiert. Nach dem Ranking der Branchenanalysten von Agroinvestor war 2024 die Gruppe Tscherkisowo der größte Fleischproduzent mit rund 1,12 Mio. Tonnen Fleisch, davon vor allem Geflügel und Schwein sowie kleinere Mengen Putenfleisch. Auf Platz zwei folgte Miratorg mit etwa 0,93 Mio. Tonnen und einem diversifizierten Portfolio aus Schwein, Rind und Geflügel. Die drittgrößte Holding war die auf Geflügel spezialisierte Gruppe Resurs, die 2024 rund 883.000 Tonnen erzeugte.

Vom Importeur zum Exporteur

In den vergangenen zehn Jahren hat Russland sich von einem der größten Fleischimportländer weltweit zu einem Nettoexporteur entwickelt. Während Anfang der 2010er-Jahre noch nahezu 2 Mio. Tonnen Fleisch jährlich importiert wurden, sank diese Menge bis 2024 auf rund 640.000 Tonnen. Gleichzeitig stiegen die Fleischexporte im selben Zeitraum von etwa 135.000 Tonnen auf rund 800.000 Tonnen pro Jahr.

Die inländische Produktion erreichte 2024 ein Rekordniveau: 12,2 Mio. Tonnen Fleisch wurden produziert, ein Wachstum von 2,1% gegenüber dem Vorjahr.

Quellen: RBC 1, 2, Agroinvestor, Agromics, RANEPA (alle RU), Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung