Die Nachrichten über die Vorbereitung von Verhandlungen zur Beendigung des Ukraine-Krieges häufen sich. Welche Auswirkungen hätte ein Waffenstillstand auf die Entwicklung der russischen Wirtschaft? Häufig ist die These zu hören, die russische Wirtschaft sei inzwischen eine „Kriegswirtschaft“, die bei einem Friedensschluss in eine Rezession fallen würde. Andererseits wird darauf verwiesen, dass die hohen Ausgaben für das Militär bisher nicht nur die Produktion stark steigen ließen. Sie hätten auch den russischen Bürgern Vorteile gebracht: Die Reallöhne seien stark gestiegen.
Kurz gesagt, die Meinungen gehen auseinander. Die Einschätzungen eines angesehenen Friedensforschungsinstituts und international bekannter Wirtschaftswissenschaftler finden Sie hier.
Anstieg russischer Militärausgaben
Das „Stockholm International Peace Research Institute“ (SIPRI) veröffentlicht jährlich Studien zur weltweiten Entwicklung der Militärausgaben. Der Anteil der Militärausgaben am russischen Bruttoinlandsprodukt hat sich im Verlauf der ersten drei Jahre des Ukraine-Konfliktes etwa verdoppelt. 2021, im Jahr vor dem Beginn des Krieges, betrug der Anteil der Militärausgaben 3,6 Prozent des BIP. 2024 erreichte der Anteil 7,1%.
Die russischen Militärausgaben stiegen 2024 auf rund 149 Mrd. US-Dollar. 2021 hatten sie nur rund 66 Mrd. US-Dollar betragen. Damit sind sie in US-Dollar seit 2021 prozentual noch etwas stärker gestiegen als sich ihr Anteil am BIP erhöhte.
Die Grafik macht deutlich, dass die Höhe der russischen Militärausgaben in US-Dollar wegen der Umrechnung von Rubel in US-Dollar zu laufenden Wechselkursen sehr stark von den schwankenden Wechselkursen abhängt. So sind Russlands Militärausgaben in US-Dollar wechselkursbedingt von 2013 bis 2015 deutlich gesunken. Gleichzeitig ist der Anteil der Militärausgaben am Bruttoinlandsprodukt aber deutlich gestiegen
2025 werden die russischen Militärausgaben laut einer im April 2025 veröffentlichten SIPRI-Studie voraussichtlich auf 7,2% des BIP steigen. Auch 2026 werden die Militärausgaben laut des Washingtoner „Center for European Policy Analysis“ bei rund 7% des BIP liegen.
„Russland noch keine Kriegswirtschaft“
Der Russland-Experte der die deutsche Bundesregierung beratenden Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik, Dr. Janis Kluge, sieht die russische Wirtschaft weiterhin nicht als „Kriegswirtschaft“. In einem Interview im Podcast „Thema des Tages“ der österreichischen Zeitung „Der Standard“ beschrieb Kluge Russlands Wirtschaftssystem am 11. November zusammengefasst so:
Die russische Wirtschaft sei eine „spezielle Marktwirtschaft“, eine Marktwirtschaft mit einigen Einschränkungen. Im Kern bestimmen aber doch die Preise, private Unternehmen und auch das Motiv der Gewinnmaximierung sehr, sehr viel in der russischen Wirtschaft. Das gäbe der Wirtschaft eine gewisse Resilienz. Die russische Wirtschaft sei größtenteils eine Privatwirtschaft, habe aber einen sehr dominanten staatlichen Sektor, vor allen Dingen im Energiebereich.
„Ich würde Russlands Wirtschaft weiterhin nicht als „Kriegswirtschaft“ bezeichnen“, sagte Kluge. „Dafür sind die Veränderungen noch nicht groß genug. Russlands Militärausgaben sind zwar sehr hoch. Rund 8 bis 10 % des Bruttoinlandsprodukts werden für das Militär verwendet. Unglaublich viele Menschen werden für den Krieg rekrutiert, aber auch für die Rüstungsindustrie.“ Die russische Wirtschaft sei wohl eher eine Wirtschaft, die langsam für den Krieg mobilisiert werde, aber eben noch nicht in der Kriegswirtschaft angekommen ist.
Bevölkerung „blendet Militäroperation aus“
Sehr klar auf die Militärausgaben zurückzuführen sei der starke Anstieg der Inflation in den vergangenen Jahren, der die Zentralbank dazu zwinge, auch extrem hohe Zinsen einzuführen, so Kluge. Dies würge die Wirtschaft ab. Insgesamt sei es in Russland für viele Menschen in vielen Berufen und Bereichen aber weiterhin möglich, den bewaffneten Konflikt zu ignorieren. Ein Großteil der russischen Gesellschaft blende ihn einfach aus.
Von den Kriegsausgaben profitiert habe die Rüstungsindustrie, die nach dem Ende der Sowjetunion sehr gelitten habe, erklärt Kluge. Die Industrieregionen Russlands hätten also auch sehr stark von den Kriegsausgaben profitiert.
Zu den Ausgaben für den Konflikt gehörten die Gehälter der Soldaten, es gebe „Anwerbeboni“ und auch Entschädigungen für die Familien von gefallenen Soldaten, erklärte der Ökonom. Diese Geldleistungen des Staates würden an zuvor eher arme Haushalte fließen. Sie trügen dazu bei, dass die Einkommen in Russland insgesamt steigen. Die Knappheit an Arbeitskräften wirke sich auch in Form von steigenden Gehältern aus.
Professor Jacques Sapir (Jahrgang 1954) lehrt an der „School of Economic Warfare“ in Paris. Er war Forschungsdirektor an der Pariser École des Advanced Study in the Social Sciences (EHESS). Zusammengefasst vertritt Sapir in einem Interview zur Entwicklung der russischen Wirtschaft u. a. folgende Thesen:
Der Anteil der Militärausgaben am BIP liegt in Russland zwischen 6,5% und 7%. Russlands Rüstungsindustrie hat sich bisher ohne Beeinträchtigungen für den zivilen Sektor entwickelt. Genau darin liegt der große Unterschied zwischen einer „Wirtschaft im Krieg“ und einer „Kriegswirtschaft“. In Russland gibt es nach wie vor eine zivile Industrie, die sich unabhängig entwickelt. Dieses Modell sei über einen längeren Zeitraum tragfähig. Beim aktuellen Wachstum kann Russland seine Kriegsanstrengungen fünf oder zehn Jahre lang – vielleicht sogar auf unbestimmte Zeit – fortsetzen.
Mangel an qualifizierten Arbeitskräften
Der Mangel an qualifizierten Arbeitskräften ist für Russland Sapir zufolge weiterhin ein Problem. Die Arbeitslosenquote liegt bei 2%, was tatsächlich sehr niedrig sei. Es besteht also ein Arbeitskräftemangel, der durch eine Steigerung der Arbeitsproduktivität und durch Zuwanderung behoben werden sollte.
Das Haushaltsdefizit hingegen sei kein Problem. Es werde in Russland rund 3% erreichen, was genau dem in der EU vorgeschriebenen Wert entspreche. Für Frankreich sei ein Haushaltsdefizit von 3% „ein Wunder“, sagt Sapir. Das Defizit in Frankreich liege bei 5,6% oder 5,8% des BIP.
Vor dem Krieg betrug die Inflation bereits rund 6%. Im Dezember 2024 lag sie bei 10,5%. Kriegsbedingt sei die Inflation um rund 4,5% gestiegen, so der französische Wissenschaftler. Davon seien vermutlich die Hälfte – rund 2 Prozentpunkte – auf die Sanktionen zurückzuführen. Die Sanktionen konnten Einfuhren nicht verhindern, sondern lediglich verteuern.
Die Zentralbank hob den Leitzins viel zu hoch an. Im Januar 2025 betrug der Nominalzins 21% bei einer Inflationsrate von 10,5%, was einen Realzins von 10,5% implizierte – ein viel zu hoher Wert. Die Realzinsen hätten nur auf 4% oder 5% angehoben werden dürfen.
Reallöhne sind kräftig gestiegen
Für die russische „Oberschicht“ habe der Krieg bisher keine Auswirkungen und werde sie auch weiterhin nicht haben, schätzt Saphir. Für die „obere Mittelschicht“ – die nicht mit der Oberschicht gleichzusetzen ist – habe der militärische Konflikt jedoch durchaus Folgen, vor allem weil die progressive Besteuerung der Einkommen die „obere Mittelschicht“ besonders betreffe. Die „obere Mittelschicht“ mache nur 10–12% der russischen Bevölkerung aus, weshalb ihre Interessen von der Regierung weitgehend vernachlässigt würden, so Sapir.
Für den Rest der Bevölkerung habe der Krieg, so Sapir, jedoch kaum Auswirkungen. Tatsächlich habe er sogar zu einem deutlichen Anstieg der Reallöhne geführt (+10% im Jahr 2023, +7% im Jahr 2024 und rund +5% in diesem Jahr). Beschäftigte im Handel waren von diesen Lohnsteigerungen weniger begünstigt als die Beschäftigen in der Industrie.