Fokusanalyse

Russisch-Indischer Handel

Analyse

Sanktionen befördern die Wirtschaftsbeziehungen

Sanktionen können Wirtschaftskontakte fördern. Das gilt zumindest für die Beziehungen zwischen Russland und Indien. Hatte Russlands Anteil am Außenhandel Indiens im Jahre 2021 noch bei 1,2% gelegen, stieg er 2022 auf 3,1% und 2023 auf 5,9%. Das war eine Folge der westlichen Sanktionen, auf die Russland mit Preisnachlässen bei Öl für indische Kunden reagierte. Daher gelangten im Jahr 2023 etwa 600 Mio. Barrel russisches Rohöl im Gesamtwert von 45 Mrd. US-Dollar nach Indien.

Insgesamt exportierte die Russische Föderation 2023 Waren im Wert von mehr als 60,6 Mrd. US-Dollar nach Indien, mehr als das Siebenfache des Jahres 2021. Neben den Ölexporten gehört auch die Kernenergie zu den Wachstumsfaktoren des russischen Exportes nach Indien. Russlands Staatskonzern Rosatom baut seit 2021am fünften und sechsten Reaktorblock des Atomkraftwerkes im südindischen Kudankulam.
Erhebliche Steigerungen gab es in den vergangenen Jahren auch bei Importen von russischem Stahl, Düngemitteln und Kohle durch Indien. Die wichtigsten Exportgüter Russlands sind Rohöl, Ölprodukte wie Benzin und Diesel, Ammoniak als Stickstoffdünger und Akkumulatoren. Indiens bedeutendste Exportwaren für den russischen Markt sind Smartphones, PC und Notebooks, Medikamente, elektrische Geräte und Edelmetall-Schmuck. Bei Smartphone- Importen aus Indien nach Russland gab es zeitweilig Zuwächse um das Vierfache, bei Notebooks um das Fünfundzwanzigfache.Der Hintergrund: Indien lehnt die westliche Politik der Sanktionen gegen Russland ab und erklärt sich im Ukraine-Konflikt für neutral.

Neue Deals zwischen Indien und Russland

Der Staatsbesuch Putins in Indien am 4. und 5. Dezember hat den wirtschaftlichen Beziehungen beider Länder neue Impulse gegeben. Bei einem Treffen mit Premierminister Narendra Modi auf einem indisch-russischen Wirtschaftsforum kündigte Putin „neue Richtungen unserer Zusammenarbeit“ an. Dabei nannte er „die gemeinsame Arbeit im Bereich der Luftfahrt, des Weltraums, der Hochtechnologien im breiten Sinne des Wortes“ einschließlich der Künstlichen Intelligenz.

Eine nach dem Treffen veröffentlichte gemeinsame Erklärung Indiens und Russlands nannte 70 Punkte zur Kooperation in den Bereichen Handel und Investitionen, Energie, Technologie und friedlicher Nutzung der Kernenergie. Russische Firmen wollen künftig vermehrt in Indien produzieren, in Bereichen wie Maschinenbau, Bergbau und Digitaltechnologien. Aber auch indische Investoren werden verstärkt auf den russischen Markt gehen. So vereinbarte das russische Unternehmen Uralchem mit indischen Staatsbetrieben den Bau einer Düngemittelfabrik in Russland.
Wassili Kaschin, Experte für internationale Beziehungen der Hochschule für Ökonomie in Moskau, betont, dass vor allem für den gemeinsamen zivilen Flugzeugbau „eine ganze Schicht russischer und indischer Ingenieure und Manager“ bereit stünde.

Indien und Russland haben beim Staatsbesuch ein „strategisches“ Programm der wirtschaftlichen Zusammenarbeit bis 2030 vereinbart. Dabei soll der Warenaustausch bis 2030 auf 100 Mrd. Dollar im Jahr wachsen. Bislang liegt das jährliche Handelsvolumen bei rund 65 Mrd. Eine positive Zwischenbilanz der russischen-indischen Kooperation zog bei dem Besuch in Indien der für Wirtschaft zuständige stellvertretende Leiter der Präsidentenadministration Maxim Oreschkin. So sei es vor drei Jahren gelungen, den Plan für die Steigerung des Warenaustausches auf 30 Mrd. Dollar vorfristig zu erfüllen. Oreschkin betonte, dass die jährlichen Wachstumsraten im Warenaustausch in den Jahren 2022 bis 2024 bei 80% lagen.

Vereinbart haben beide Seiten auch Verhandlungen über die Schaffung einer Freihandelszone zwischen Indien und der Eurasischen Wirtschaftsunion. Damit sollen Zollschranken und Zertifikationsbarrieren fallen. Geplant ist auch eine Ausweitung des Exportes preisgünstiger indischer Medikamente auf den russischen Markt.

Öl-Geschäfte im Wandel

Der russische Anteil an indischen Ölimporten war noch im Februar 2022 minimal und lag bei 2%. Doch schon im Dezember des gleichen Jahres bezog Indien 25% seines Öls aus Russland. Ein Jahr darauf wuchs der russische Anteil an den indischen Ölimporten auf 39%. Im Mai 2025 importierte Indien russisches Rohöl im Wert von 4,2 Mrd. Euro. Damit wurde Russland innerhalb von zwei Jahren zum größten Öllieferanten Indiens. Der Hauptgrund dafür ist die große Importabhängigkeit Indiens. Der zweite Grund waren die sanktionsbedingten Preisnachlässe, die Russland gewährte.
Einen Teil des russischen Öls verarbeitete Indien zu Benzin, Diesel und Heizöl. Die Endprodukte indischer Raffinerien galten bis vor Kurzem nicht mehr als russisch. Dies änderte sich, als die EU im Juli mit dem 18. Sanktionspaket erstmals eine indische Raffinerie, Nayara, auf die Sanktionsliste setzte, an welcher der russische Konzern Rosneft mit 49% beteiligt ist.
Die größte Raffinerie der Welt aber im westindischen Küstenstaat Jamnagar, die auch russisches Öl verarbeitet, ist bisher nicht sanktioniert. Der Betrieb gehört dem Konzern Reliance des indischen Multimilliardärs Mukesh Ambani, der als der reichste Mann Indiens gilt. Sein Unternehmen liefert im Jahresdurchschnitt 2,8 Mio. Barrel Diesel und 1,5 Mio. Barrel Flugbenzin in europäische Länder. Europäische Kunden versuchen offenkundig, sich mit Vorräten an russisch-indischen Ölprodukten einzudecken, bevor das Sanktionspaket im Januar 2026 greift. Im August, dem ersten Monat nach dem Beschluss über das 18. Sanktionspaket stiegen Indiens Dieselausfuhren nach Europa um 137% im Vergleich zum Vorjahr.

Zugleich wirkten sich die Sanktionen der USA auf die beiden russischen Ölkonzerne Rosneft und Lukoil aus, die im November in Kraft traten. In der Folge fiel der tägliche indische Ölimport Anfang November um mehr als ein Drittel. Doch wechseln indische Importeure in jüngster Zeit zunehmend zu nicht sanktionierten russischen Ölexporteuren.

Wesentlich ist, dass die indische Regierung den indischen Raffinerien weder empfiehlt noch sie anweist, kein russisches Öl mehr zu kaufen. Damit gibt der indische Staat den Unternehmern seines Landes ein Signal, dass er die Suche nach einem kreativen Umgehen der Sanktionen nicht behindern wird. Dazu passt auch der Bericht des FAZ-Korrespondenten aus Singapur, dass Händler und Raffinerien bereits nach Wegen suchen, indische Ölprodukte mit raffiniertem Öl aus Arabien zu mischen oder durch mehrfaches Verladen im Mittelmeer die Herkunft des Rohstoffs zu verhüllen.

Blockfreies Indien als begehrter Partner

Die blockfreie Orientierung Indiens macht das Land zu einem begehrten Partner. Wollte man das Prinzip der indischen Außen-, und Außenwirtschaftspolitik auf eine kurze Formel bringen, ließe sich sagen: Indien ist nicht gegen den Westen, aber nicht exklusiv an seiner Seite. Denn es legt Wert auf Handlungsfreiheit. Das inzwischen vor China bevölkerungsreichste Land der Welt betreibt unter seinem Premierminister Modi eine Politik der offenen Tür nach vielen Seiten. Indien darf dabei als berechenbar gelten. Denn alle Indien-Experten stimmen überein, dass der Subkontinent sich in geopolitischen Konflikten nicht auf eine Seite schlagen wird.

Indien ist an einem Freihandelsabkommen mit der EU interessiert und an guten Beziehungen zu Deutschland. Gleichzeitig bleibt Russland aus indischer Sicht ein bewährter Partner. Mit den USA bemüht sich Neu-Delhi trotz der Trumpschen Tarifpolitik um eine breitgefächerte Kooperation. Zunehmend konstruktiver entwickelt sich das früher jahrzehntelang angespannte Verhältnis zu China.

Die indische Führung weiß, dass sie wirtschaftlich und technologisch als Partner einiges zu bieten hat, von der Produktion preiswerter Medikamente bis hin zur Weltraumfahrt. Dabei ist das große Interesse Indiens an einer Steigerung seiner Exporte erkennbar. Denn ein Drittel der indischen Importe ist nicht durch Exporte gedeckt. Augenfällig ist das Bestreben der Inder nach Diversifizierung des Handels. Nach China sind die USA der zweitgrößte Handelspartner, vor den Vereinigten Arabischen Emiraten, Russland und Saudi-Arabien.

China achtet angesichts der wachsenden Gefahr einer Konfrontation mit den USA sorgsam auf ein kooperatives Verhältnis zu Indien. Die EU ist wegen zunehmender Spannungen mit dem „systematischen Rivalen“ China sehr daran interessiert, vermeintlich drohende Abhängigkeiten von China durch mehr Handel mit Indien auszubalancieren. Inder wie Europäer streben an, das Freihandelsabkommen bereits zum EU-Indien-Gipfel Ende Januar 2026 in Neu-Delhi unterschriftsreif zu bekommen.

In der Sicht der EU spielt auch eine Rolle, dass Indiens als bevölkerungsreichste Demokratie der Welt ein Gegengewicht zu den „autoritären Staaten“ bilden könnte. In jedem Fall wächst zwischen Himalaya und Indischem Ozean ein attraktives Zentrum der modernen Weltwirtschaft. Wegen des für manche Europäer verstörend warmen Grundtons Indiens in den Beziehungen zu Russland gilt das Land im Westen als „Widerspenstiger Wunschpartner“, wie die deutsche Tageszeitung Handelsblatt schreibt. Doch hat Berlin zu intensiveren indisch-deutschen Beziehungen keine Alternative. Hinzu kommt: Indien sucht erkennbar nicht die Konfrontation zum Westen, sondern die Kooperation.

Der indische Subkontinent bietet einen der größten Konsum- und Arbeitsmärkte der Welt, vom produzierenden Gewerbe bis zu IT-Dienstleistungen. Das Handelsblatt nennt Indien „Europas große Handelshoffnung“. Nach Indien exportiert die deutsche Wirtschaft jetzt 70% mehr als vor fünf Jahren. Indiens Aufschwung verläuft trotz aller Widerstände stabil. Nach Einschätzungen des Internationalen Währungsfonds (IWF) wird Indien bis 2030 zur drittgrößten Volkswirtschaft der Welt avancieren und dabei Deutschland und Japan überrunden. Trotz der von Trump verhängten Zolltarife von 50% für zahlreiche indische Waren wächst die indische Volkswirtschaft weiter. IWF und Weltbank erwarten für dieses Jahr ein indisches Wachstum von 6,5%.

Mercedes Benz unterhält in Indien sein größtes Forschungszentrum außerhalb Europas. Dort sind10.000 Menschen tätig. SAP beschäftigt 17.000 Mitarbeiter in Indien und eröffnet einen zweiten Campus mit einer Investition von 200 Mio. Euro. Lufthansa baut in Indien ein eigenes GCC auf. Zeiss will seine indische Belegschaft in den nächsten zwei Jahren auf 5000 verdoppeln.

Allein Indiens obere Mittelschicht mit rund 140 Mio. Menschen ist für deutsche Unternehmen ein gigantischer Markt von Morgen, unter anderem für Einbauküchen und moderne Wohnzimmergestaltung. Probleme für deutsche Hersteller bereiten derzeit noch indische Zertifikate – ein Thema für das Freihandelsabkommen.

Russland und Indien – eine besondere Beziehung

Mit Indien verbindet Russland eine besonders enge Beziehung, die noch auf die Sowjetunion zurückgeht. Neben wirtschaftlichen Interessen spielten auch geopolitische Faktoren eine wesentliche Rolle.

Im August 1947 wurde Indien unabhängig von Großbritannien. Das britische Empire war schon zu Zarenzeiten Russlands größter geopolitischer Rivale im gesamten zentralasiatischen Raum. Zu einer Annäherung zwischen der Sowjetunion und dem blockfreien Indien kam es im Juni 1955, als der indische Premierminister Jawaharlal Nehru Moskau besuchte. Darauf folgte bereits im Herbst 1955 ein Gegenbesuch des sowjetischen Parteichefs Nikita Chruschtschows.

Die Sowjetunion leistete Indien, das eine Affinität zu zentraler staatlicher Planung zeigte, umfangreiche Entwicklungshilfe beim Aufbau einer Stahlindustrie, der Eisenbahnen, des Bergbaus, der Petrochemie und der Rüstungsindustrie. Dieser Bereich gewann noch an Bedeutung, als sich die Sowjetunion im indisch-chinesischen Grenzkrieg 1962 für formal neutral erklärte. Denn die sowjetische Führung betrachtete das China Mao Zedongs seit Anfang der Sechzigerjahre nicht nur als ideologischen Rivalen in der „kommunistischen Weltbewegung“, sondern auch als militärische Bedrohung. Daher wurde Indien bald zu einem Großkunden für den sowjetischen Waffenexport.

Die asiatische Großmacht Indien wuchs damit trotz ihres blockfreien Status aus Moskauer Sicht in die Rolle eines faktischen Verbündeten. Sympathie erwarb sich die Sowjetunion in Indien auch durch ihre Vermittlung bei der Beendigung des indisch-pakistanischen Krieges in Kaschmir 1965. Höhepunkt der Beziehungen war die Ära der indischen Premierministerin Indira Ghandi, die von 1966 bis 1977 und erneut von 1980 bis zu ihrem Tode 1984 amtierte. Die Tochter Nehrus suchte außenpolitisch stabile Schnittmengen zwischen Moskau und Neu-Delhi und wurde dabei von einer geschickt agierenden sowjetischen Diplomatie unterstützt.

Die Beziehungen zwischen Moskau und Neu-Delhi gipfelten 1971 in einem Indisch- Sowjetischen Freundschaftsvertrag, der eine Beistandsklausel für den Fall einer „Aggression“ enthielt. Das Abkommen wurde 1993 durch einen indisch-russischen Freundschafts- und Kooperationsvertrag ergänzt.

Im Zuge einer schrittweisen Wiederannäherung zwischen Moskau und Peking nutzte die sowjetische und später die russische Führung ihre guten Kontakte nach Indien, um eine schrittweise chinesisch-indische Annäherung zu fördern, im Rahmen der BRICS-Staatenkoalition und der Schanghaier Sicherheitsorganisation.

Zwar sind die russischen Waffenexporte nach Indien bereits in den Jahren 2018 bis 2022 um ein Drittel geschrumpft und dann noch einmal wegen des Konfliktes in der Ukraine. Beide Seiten halten den Umfang des Waffenhandels geheim. Dennoch interessiert sich Indien für den russischen Luftabwehrkomplex S- 500 und den Tarnkappenjäger SU-57. Vom Boden-Luft-Raketensystem S-400 hat die indische Armee bereits mehrere Exemplare erworben. Der jüngste Konflikt mit Pakistan hat aus Sicht indischer Militärs die Qualität russischer Luftabwehrtechnik bestätigt. Dies lässt auf kommende Aufträge schließen.

Bewertungen und Kommentare

Der indische Wirtschaftsexperte und geopolitische Analytiker Prosenjit Nath analysiert das indische Interesse an russischem Öl und kommt zu einer kritischen Beurteilung der EU-Sanktionen gegen russische Ölimporte nach Indien:

„Indien sah wie jeder rationale Staat eine Chance in reduzierten russischen Rohstoffpreisen. Dieses Öl, zu Discount-Preisen, hat Neu-Delhi geholfen, die Inflation zu kontrollieren, seine Energieversorgung zu stabilisieren und das Wachstum zu sichern.

Bei neuen EU- Sanktionen (dem 18. Sanktionspaket) geht es nicht mehr darum, Russland zu treffen. Sie sollen Indien sagen, wie es sich verhalten soll. Die Botschaft ist einfach: Der Westen setzt die Regeln; der Rest der Welt muss folgen. Beim letzten Schritt der EU, eine indische Raffinerie zu sanktionieren, geht es nicht darum, russisches Öl zu stoppen. Es geht darum, eine Botschaft an Indien zu senden: Halte Dich an unsere Regeln, oder Du wirst bestraft. Das ist ein Affront gegen die indische Souveränität.“

David Pfeifer, Südostasien-Korrespondent der „Süddeutschen Zeitung“ trifft anlässlich des Putin-Besuchs in Indien die Einschätzung, die westliche Politik gegenüber Indien sei kontraproduktiv:

„So befremdlich Modis Verhalten wirkt, der Westen hat gegenüber Indien schwere Fehler gemacht. Mehr als Vorwürfe hat er nicht zu bieten. Statt also auf Ölgeschäfte zu verzichten, wie Donald Trump es mit Schutzgeld-Erpressermethoden Indien gegenüber erreichen wollte, bauen Putin und Modi die Beziehungen ihrer Länder weiter aus. Warum? Weil Putin etwas zu bieten hat. Neben billigem Öl noch Rüstungsgüter, Düngemittel und Finanzhandel.“

Raphael Schmeller vom Ressort Geopolitik der Berliner Zeitung kommt zu einem kritischen Fazit der Trumpschen Zollpolitik gegen Indien:

„Frühere US-Regierungen – auch während Trumps erster Amtszeit – hatten Indien als regionalen Partner und Gegengewicht zu China umworben. In Washington wächst nun die Sorge, dass diese Strategie dauerhaft Schaden nimmt. Zudem scheint Trumps Politik das BRICS-Bündnis, das im Westen zuletzt als geschwächt bezeichnet wurde, zu stabilisieren.

Mit seiner Zollpolitik scheint sich Trump erheblich verkalkuliert zu haben. Denn Indien in die Arme Chinas, des größten geopolitischen und wirtschaftlichen Rivalen der USA zu treiben und gleichzeitig das BRICS- Bündnis zu stärken, stellt ein Worst-Case Szenario für Washington dar.“

Die „Frankfurter Allgemeine“ kommentiert nach dem Staatsbesuch Putins in Indien:

„Der erste Indienbesuch des russischen Staatschefs seit dem Großangriff auf die Ukraine war auch ein Signal an den Westen: Russland ist international nicht so isoliert, wie es die Europäer gern hätten. Indien zeigte wiederum, dass es seine Außenpolitik unabhängig gestaltet.“

Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ bilanziert aber auch kritisch unter der Überschrift „Putin will Indien Öl verkaufen – viel mehr hat er nicht zu bieten“:

„Im Handel herrscht ein enormes Ungleichgewicht. Während Russland im vergangenen Jahr Waren und Güter wie Öl und Dünger im Wert von 64 Milliarden Dollar nach Indien Export hat, führten die Russen indische Importe im Wert von nicht mal fünf Milliarden Dollar ein. […] Was die Rüstung angeht, ist Russland zwar nach wie vor Indiens Hauptlieferant. Doch die Kooperation ist ins Stocken geraten. Indien wartet weiter auf die Lieferung von zwei Einheiten des Luftabwehrsystem S-400 aus einer Bestellung von 2018. Der Auftrag verzögert sich wegen der starken Auslastung der russischen Rüstungsindustrie für die eigenen Bedürfnisse in der Ukraine.“

Volker Treier, Außenwirtschaftschef der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK) setzt währenddessen große Hoffnungen in das geplante Handelsabkommen der EU mit Indien. Treier empfiehlt der Bundesregierung, gemeinsam mit der EU-Kommission auf ein Abkommen zu drängen, das den Marktzugang für deutsche Unternehmen deutlich verbessert und Handelshemmnisse abbaut. Im Blick hat der DIHK-Außenwirtschaftschef dabei vor allem Zollsenkungen bis hin zu null Prozent, vor allem für den Automobil-, Maschinenbau - und die Chemische Industrie und dies möglichst ohne lange Übergangsfristen.

In Indien sprach das Hindi-Nachrichtenportal und der TV-News-Kanal News18, von einer „Ohrfeige für den Westen“. Wörtlich hieß es

„Ungeachtet aller Drohungen, Sanktionen und hinterlistigen Taktiken der USA und Europas betrat der russische Präsident Wladimir Putin indischen Boden. Premierminister Narendra Modi empfing seinen ‚besten Freund‘ mit einem so pompösen Empfang, dass die ganze Welt staunte. Dies war nicht nur ein diplomatischer Besuch, sondern eine vernichtende Ohrfeige für den Westen. […] Die Kooperation zwischen Indien und Russland stellt eine direkte Herausforderung für den Hegemonialanspruch der USA dar, die die Welt nach ihrem eigenen Willen beherrschen wollen. […] Die gemeinsame Erklärung mit 70 Punkten enthält einen Fahrplan für die Zukunft, der Indien zu einer militärischen und wirtschaftlichen Supermacht machen soll. Ob Verteidigung, Raumfahrt, Kernenergie oder Handel – Russland steht Indien in allen Bereichen zur Seite.“

„Der Verteidigungssektor bildete stets das Rückgrat der indisch-russischen Beziehungen, doch diesmal hat sich die Lage geändert. Indien ist nicht länger nur Abnehmer. Russland hat Premierminister Modis Kampagne „Atmanirbhar Bharat“ (Selbstständiges Indien) seine volle Unterstützung zugesichert. In den Absätzen 28 bis 31 der gemeinsamen Erklärung wird deutlich gemacht, dass sich die Beziehungen über den reinen Kauf und Verkauf hinaus zu gemeinsamer Entwicklung und Produktion entwickelt haben.“

Eine der einflussreichsten Wirtschaftszeitungen des vielfältigen Riesenreichs, „Business Standard“, schreibt unter der Überschrift „Indien präsentierte Putins Besuch als Demonstration seiner strategischen Autonomie in der Weltpolitik“:

„Modis Aussage, Indien sei nicht neutral, sondern für den Frieden, ist möglicherweise eine verklausulierte Kritik an Putins Vorgehen in der Ukraine. Die Einladung an den ukrainischen Präsidenten Wladimir Selenski zu einem Besuch in Indien sowie die Einladung der EU-Spitze als Ehrengäste zu den Feierlichkeiten zum Tag der Republik unterstreichen diese Botschaft zusätzlich.“

„Indiens Position im Indopazifik ist etwas schwächelnd, da US-Präsident Donald Trump seinen Besuch in Indien abgesagt hat.“

Quellen: FAZ, Süddeutsche Zeitung, IPG, Comtrade (EN), Kreml, Kommersant, RBC(alle RU)