Fokusanalyse

Vom Samowar zum Teebeutel: Russlands Leidenschaft fürs Teetrinken

2025-09-12 10:14
Hintergrund

Russland hat einen der größten Absatzmärkte für Tee der Welt. Das Volumen des russischen Teemarkts belief sich 2024 auf 100 Mrd. Rubel, umgerechnet 1 Mrd. Euro, ein Anstieg von 6% zum Vorjahr. Dabei gingen zwischen Februar 2024 und Januar 2025 um 3% weniger Tee über den Ladentisch, belegen Zahlen des Marktforschungsunternehmens Nielsen.

Weniger Tee kauften die Russen auch im ersten Quartal dieses Jahres. Bei Schwarztee gab es ein Minus von 4% und bei grünem Tee sanken die Verkäufe um 6%. Ein ähnliches Bild ergibt sich bei Blatt-Tee für den Zeitraum zwischen Februar 2024 und Januar 2025 (-3,6%) sowie bei Teebeuteln (-3,3%). Experten prognostizieren, dass die Teepreise in Russland, angefeuert durch die Nachfrage nach hochwertigen Produkten, weiterhin steigen werden.

Teepreise ziehen an

Der Medianpreis für Tee in Russland stieg im ersten Quartal 2025 um 8% auf 204 Rubel, 2,40 Euro. Nach Angaben des Preisdienstes Cenozavr verteuerte sich schwarzer Tee seit Anfang des Jahres um mehr als 5% und grüner Tee um 14%. Demnach kostete eine Packung schwarzer Tee (100 g) im Schnitt 275 Rubel, 2,75 Euro und eine Packung grüner Tee 287 Rubel, 2,90 Euro.

Führende Marken auf dem russischen Markt sind Greenfield und Tess des russischen Teeproduzenten Orimi Trade, Ahmed Tea des gleichnamigen Unternehmens aus England und die Marken Majskij und Richard des russischen Lebensmittelunternehmens Mai-Foods.

Am besten verkaufen sich Teebeutel, die einen Marktanteil von 68% haben. Der aktuelle Preis für schwarzen Tee beträgt 1434 Rubel, 14 Euro, pro Kilogramm, bei grünem Tee kostet ein Kilogramm 1555 Rubel, 15,60 Euro. Der teuerste Tee in Russland ist die Oolong-Sorte Da Hong Pao. Die Preise für das Genussmittel aus China beginnen bei 10.000 Rubel, umgerechnet 100 Euro, je 100 g und können laut Branchenkennern 1 Mio. Rubel, 10.000 Euro, pro Kilogramm erreichen. Die seltene Sorte wird in der Provinz Fujian im Südosten Chinas angebaut und stammt von jahrhundertealten Teebäumen.

Größte Teetrinker

Nach Angaben des Branchenportals Global Tea Auction trinken Russen 140 Liter im Jahr und damit doppelt so viel wie die Menschen in Deutschland. Im globalen Teekränzchen schafft es Russland auf einen beachtlichen sechsten Platz. Die leidenschaftlichsten Teetrinker der Welt leben in der Türkei: Der Pro-Kopf-Verbrauch liegt dort bei über 300 Litern. Reichlich Tee getrunken wird auch in Irland (über 250 Liter), Großbritannien (200 Liter), Pakistan und Iran (über 150 Liter).

Die Russen trinken am liebsten traditionellen Schwarztee – dessen Anteil am gesamten Teekonsum macht 70% aus. Grüner Tee wiederum kommt auf einen Marktanteil von 20-25%, Kräutertee auf 5-10%. 30% der Nachfrage im Segment zusätzliche Geschmacksaromen entfallen auf aromatisierten schwarzen Tee. Hier wählten Verbraucher zunehmend die Geschmacksnote Bergamotte (33%), ebenfalls beliebt seien die Geschmacksnoten von Früchte- und Beerentee, verrät Nikolai Markin, Leiter für nachhaltige Entwicklung und Corporate Communications beim russischen Tee- und Kaffeeunternehmen Mai.

Wie alles begann

Im 16. Jahrhundert gelangte Tee erstmals nach Russland. Zunächst wurde das Getränk überwiegend zu medizinischen Zwecken verwendet. Seinen Durchbruch schaffte das Genussmittel im 19. Jahrhundert mit dem Ausbau des Schienenverkehrs im Russischen Zarenreich. Hauptlieferant von Tee war das Reich der Mitte. Im russisch-chinesischen Warenaustausch machte Tee Ende des 18. Jahrhunderts noch 30% aus. Mitte des 19. Jahrhunderts betrug der Teeanteil am Handelsvolumen bereits 90%. In der russischen Bevölkerung avancierte vor allem Schwarzer Tee zum beliebtesten Getränk. Groß und Klein, Arm und Reich versammelten sich abends daheim am Samowar (Teekocher). Der erste Samowar wurde Mitte des 18. Jahrhunderts in den Werken des russischen Industriellen Nikolai Demidow im Ural und in der Stadt Tula hergestellt.

Viel Import, wenig Anbau

Wie bei Kaffee ist Russland auch bei Tee auf Importe angewiesen. Im vergangenen Jahr steigerte das Land die Teeimporte auf 140 Tonnen, ein Anstieg von 58% zum Vorjahr. 2023 war Indien Russlands Hauptlieferant mit einem Importanteil von über 30%, gefolgt von Sri-Lanka (18%), Kenia (17%), China (11%) und Vietnam (6%). Im vergangenen Jahr bauten Indien und Sri-Lanka ihre Position weiter aus und kamen zusammen auf 60%. Der weltweit größte Teeproduzent China lieferte im vergangenen Jahr 17 Tonnen Tee (überwiegend grünen) im Wert von 59 Mio. Dollar nach Russland, was einem Anstieg von 14% entsprach. Im Februar 2025 wurde jedoch ein zweifacher Rückgang im Vergleich zum Vorjahresmonat verzeichnet.

Nach Angaben der Statistikbehörde Rosstat produzierten russische Landwirte im vergangenen Jahr 113 Tonnen Tee im Vergleich zu 122 Tonnen im Vorjahr, ein Minus von 7%. In großem Stil wird Tee nur in der Schwarzmeerregion Krasnodar angebaut. Dabei verfügt Russland über 20.000 Hektar Anbaufläche, die als Teeplantagen dienen können. Laut Experten ist das russische Klima ungeeignet für den Teeanbau. Die russische Akademie für die Entwicklung der subtropischen Landwirtschaft beziffert die heutige Nutzungsfläche auf rund 1500 Hektar. Russische Landwirte stellten demnach mithilfe von eingeführten Rohstoffen um das 300-Fache mehr Tee her als sie anbauen.

Quellen: Tadviser, Foodmarket, Gradus, Kommersant, Monocle, Sir Puer, Arzamas, Chinalogist (alle RU), Gazeta.ru, Eurocredit 1, 2 (alle RU), Global tea auction (EN)