Fokusanalyse

Freizeitparks: Achterbahn mit Potenzial, aber wenig Erfolg

2025-08-24 11:32
Hintergrund

Experten sehen in der russischen Freizeitparkindustrie großes Potenzial, das mittlerweile auch Investoren erkannt haben. Der steigende Inlandstourismus der vergangenen Jahre hat dem Gewerbe mehr Besucher beschert. Dennoch wählen Russen für ihren Familienausflug oft andere Freizeitangebote. Ein Grund: In Russland gibt es bislang nur einen großen Freizeitpark, der sich auch international sehen lassen kann.

Nach Einschätzung der Plattform Verified Market Reports betrug der globale Markt für Freizeitparks im Jahr 2024 54,5 Mrd. US-Dollar im Vergleich zu 46 Mio. zwei Jahre zuvor. Die Marktforscher gehen davon aus, dass das Volumen bis 2033 auf über 78,5 Mrd. Dollar anwachsen könnte.

Die russische Freizeitpark-Industrie ist jung und war bis vor einem Jahrzehnt auf der Weltkarte nicht vertreten. Einer der berühmtesten Themenparks der Welt, das amerikanische Disneyland in Florida, öffnete 1955 erstmals seine Tore. Ein ähnliches Großprojekt in Russland, den Sotschi Park, gibt es erst seit 2014. Er befindet sich in der Kleinstadt Sirius unweit von der Stadt Adler im Gebiet Krasnodar und empfängt jährlich mehr als 5 Mio. Besucher.

Moskauer Megaprojekt: Ostrow Metschty

Eine weitere Erfolgsgeschichte ist der 2020 eröffnete Moskauer Themenpark Ostrow Metschty (dt. Trauminsel). Allein im vergangenen Jahr statteten der Moskauer Trauminsel mehr als 11. Mio. Menschen einen Besuch ab. Ein deutlicher Anstieg zu den vorherigen Jahren: Von 2020 bis 2023 waren es 8,5 Mio. Besucher. Der Freizeitpark ist eine Million Quadratmeter groß, was einer Fläche von 140 Fußballfeldern entspricht. Er umfasst zehn Themenwelten, 49 Attraktionen, ein Freiluftkino und ein Freibad, einen Konzertsaal sowie einen 40 Hektar großen Landschaftspark. Ein Familienticket für drei Personen in Ostrow Metschty kostet 7800 Rubel, umgerechnet 83 Euro.

Der Chief Operation Manager von Sotschi Park Gennadij Grigorenko schätzt die Zahl großer Vergnügungsparks weltweit auf 500. Für Russland reichen die Schätzungen auf einige Tausend Freizeitanlagen mit Attraktionen. Laut der Moskauer Regierung gibt es allein in der russischen Hauptstadt 50 Freizeitparks mit steigender Tendenz.

Langfristige Investitionen

Nach Angaben der Datenplattform Investprojects fließen in diesem Jahr Investitionen in Höhe von 115 Mrd. Rubel, 1,2 Mrd. Euro, in die Branche. Die Investitionen sollen im nächsten Jahr um 35% auf 155 Mrd. Rubel, 1,7 Mrd. Euro, steigen. Allerdings werfen Freizeitparks keine schnellen Gewinne ab: Laut Branchenvertretern muss das Finanzierungsmodell auf 10-15 Jahre angelegt sein, bevor es Gewinne zu verzeichnen gibt. In Russland werden drei Arten von Freizeitparks betrieben: städtische, regionale und touristische. Letztere rentieren sich bei einem Tourismusaufkommen ab 6 Mio. pro Jahr. Ein bewährtes Geschäftsmodell sind Attraktionen in Einkaufszentren, da hier weniger Investitionen nötig sind.

Die größten Erfolgsaussichten haben dabei Freizeitparks mit beliebten Franchise-Themenwelten. „Auf die großen Vergnügungsparks aus dem Multiuniversum von Universal und Disney entfallen 60% des Gesamtumsatzes der Industrie“, sagt Natalia Kirejewa, stellvertretende Leiterin für Beratung und Analyse bei der internationalen Consultingfirma NF Group. Vergnügungsparks generieren mehr als 50% ihrer Einnahmen durch den Verkauf von Eintrittstickets. Weitere 10-15% entfallen auf Speisen und Getränke, genauso viel bringen Resorts ein. Bei Souvenirs sind es 8-10%.

Freizeitparks unter freiem Himmel sind zudem wetter- und saisonabhängig. Selbst im Süden Russlands hätten diese nicht das ganze Jahr über geöffnet, sagt Olga Gussewa, Geschäftsführerin beim Development-Unternehmen Key Capital. Hinzu kommt, dass Erlebnisparks in Russland weniger beliebt sind als in Europa und den USA, wo solche Ausflüge zur Familientradition gehören. In Russland betrachten viele Betreiber Freizeitparks als Ansammlung von Fahrgeschäften, ohne sich Gedanken über ein umfassendes und stimmiges Konzept zu machen, kritisieren Branchenexperten.

Kein Geschäft ohne Fahrgeschäft

Die westlichen Sanktionen haben auch um die russische Unterhaltungsindustrie keinen Bogen gemacht. Laut dem Vorstandsvorsitzenden der Freizeitparks Ostrow Metschty, Amiran Muzoew, ist die Wartung von Fahrgeschäften komplizierter geworden. Die Branche behilft sich mit dem sogenannten Reverse Engineering, bei dem bewährte Modelle nachgebaut werden. Damit ließen sich dann einzelne Bauteile in Russland herstellen, erklärt Muzoew.

Der russische Verband der Freizeitparks und Hersteller von Attraktionen Rappa teilte Anfang 2025 mit, dass die einheimische Produktion von Fahrgeschäften in diesem Jahr um 50% zunehmen könnte. Dieser starke Anstieg hängt auch mit dem niedrigen Produktionsvolumen der vergangenen Jahre zusammen.

Früher importierte Russland Achterbahnen und Karussells aus Europa. Branchenvertretern zufolge wird ausländische Technik zwar weiterhin eingeführt, doch entstehen zahlreiche Logistik- und Wartungsprobleme. Es handle sich hierbei um risikoreiche Technik, die geschultes Personal und bei Bedarf schnelles Eingreifen erfordere, sagt Olga Gussewa von Key Capital. Das Gewerbe suche zunehmend nach Lieferanten in Asien, was Abhilfe schaffen könnte, aber mit Fragen rund um Zulassung, Personalschulung, Wartung und Ersatzteilen verbunden sei, fügt die Expertin hinzu.

Deutsche Vergnügungsparks

Der größte deutsche Vergnügungspark ist der Europa-Park in Rust im Bundesland Baden-Württemberg. Zu entdecken gibt es 17 Themenwelten mit mehr als 100 Attraktionen auf fast 100 Hektar Fläche. Für Adrenalin sorgt die längste Achterbahn Deutschlands Silver Star (1620 m). Im vergangenen Jahr zählte der Europa-Park über 6 Mio. Besucher. Der Eintritt kostet für Kinder 44 Euro und Erwachsene 52 Euro.

Der zweitgrößte Freizeitpark ist das Heide Park Resort im niedersächsischen Soltau, der sich auf mehr als 850.000 Quadratmetern erstreckt. Sowohl Kinder als auch Erwachsene kommen für 37 Euro rein. Der Park empfängt jährlich über 1,5 Mio. Menschen. Die Top 3 schließt mit dem Phantasialand in Brühl unweit von Köln, das jährlich über 1,7 Mio. Menschen anzieht. Kindern wird der Eintritt ab 47 Euro und Erwachsenen ab 54 Euro gewährt.

Quellen: Kommersant 1, 2, Rossijskaja Gaseta, Izvestia, Verified Market Reports (alle RU), Merian, SRW