Fokusanalyse

Kalt serviert, heiß begehrt: Speiseeis-Rekordjahr

2025-08-09 17:24
Hintergrund

2024 wurde in Russland bei Speiseeis ein Produktionsvolumen von etwa 600.000 Tonnen erreicht, ein Zuwachs von 16,5% gegenüber dem Vorjahr. Im Vergleich zu 2020, als nur 449.300 Tonnen produziert wurden, hat sich die Produktion um über ein Drittel erhöht. Damit liegt der Ausstoß auf historischem Höchststand. Getrieben wurde diese Entwicklung durch heiße Sommer, ein gestiegenes Realeinkommen sowie den boomenden Inlandstourismus. Der Pro-Kopf-Konsum stieg 2024 auf etwa 4,5 Liter und erreichte damit ebenfalls ein neues Rekordniveau. Im ersten Halbjahr 2025 sank der Eiscremeabsatz in Russland hingegen um bis zu 11%, so die Wirtschaftszeitung Kommersant. Dieser Trend sei größtenteils auf das vorherrschende schlechte Wetter in diesem Jahr zurückzuführen.

Während der Zentralföderationskreis um Moskau bei der Speiseeisproduktion mit mehr als 30% Anteil führend bleibt, legte insbesondere der Süden um die Millionenstadt Krasnodar stark zu. Der Südliche Föderationskreis erhöhte seine Produktion um rund 45%, was ihm einen Anteil von 18,1% sicherte. Der Nordwesten verlor bedingt durch Fabrikschließungen in Sankt Petersburg Marktanteile. Insgesamt konzentrieren sich rund 83% der Eisproduktion auf vier Regionen: Zentralrussland, Südrussland, die Wolga-Region und Sibirien.

Die fünf größten Hersteller – Iceberry, Renna, Arnest (früher Unilever), Froneri und Slavitsa – halten zusammen mehr als 73% Marktanteil. Iceberry konnte sich mit 71.400 Tonnen Produktion an die Spitze setzen. Renna folgt mit 55.200 Tonnen, gefolgt von Arnest mit 40.600 Tonnen.

Plombir bleibt König, Eis wird teurer

Trotz wachsender Sortimentsvielfalt bleiben Russen bei der Geschmackswahl konservativ. Plombir, ein reichhaltiges, zu Sowjetzeiten eingeführtes Sahneeis ohne Aromen, dominiert mit einem Anteil von 59% die Produktionsstruktur. Rund 70% der Konsumenten bevorzugen Vanille-, Schokoladen- oder Karamellgeschmack. Auch bei den Darreichungsformen dominieren klassische Formate: Waffelbecher und Eis am Stiel stehen jeweils für etwa ein Drittel des Absatzes.

Gleichzeitig ist Offenheit für neue Produkte erkennbar, vor allem bei Konsumenten unter 35 Jahren. Diese Zielgruppe reagiert auf kreative Geschmackskombinationen, auffällige Farben oder spezielle Themeneditionen. Hersteller bringen zunehmend Produkte mit ungewöhnlichen Inklusivstoffen wie Schokosternen, Gewürzen oder sogar Käse auf den Markt – wenn auch meist als limitierte Nischenprodukte.

Der durchschnittliche Verbraucherpreis für Sahneeis lag Ende 2024 bei 810,32 Rubel pro Kilo, rund 8,77 Euro. Dies entspricht einem Anstieg um mehr als 10% innerhalb eines Jahres. Seit 2020 haben sich die Preise nahezu verdoppelt.

Korea im Kühlregal, China-Boom bei Exporten

Seit 2023 verzeichnet südkoreanisches Eis ein rasantes Wachstum auf dem russischen Markt. Zwischen Juli 2023 und Juli 2024 stieg der Absatz um 90%. Koreanische Marken wie Melona oder Mochi-Eis profitieren vom kulturellen Einfluss von K-Pop und K-Dramen. Sie punkten mit neuartigen Geschmacksrichtungen, bunten Verpackungen und einem hohen Lifestyle-Faktor. Trotz deutlich höherer Preise von bis zu 250 Rubel pro Portion, umgerechnet 2,70 Euro hat sich koreanisches Eis in urbanen Premiumsegmenten etabliert. In einigen Supermärkten macht es bereits ein Drittel des importierten Eissortiments aus.

Auch andere Importprodukte wie italienisches Gelato oder US-amerikanische Eisriegel bleiben präsent. Dennoch stammt der Großteil des Angebots weiterhin aus inländischer Produktion. Importe machen weniger als 10% des Gesamtvolumens aus.

Im Jahr 2024 exportierte Russland rund 15.000 Tonnen Speiseeis, 10% mehr als im Vorjahr. Hauptabnehmer waren Kasachstan, China und die Mongolei. Besonders stark wuchs der Export nach China (+70%), wo russisches Eis zunehmend im Premiumsegment Fuß fasst.

Von Eis am Stiel zu Eis mit Stil

Neben klassischen Formaten steigt die Nachfrage nach sogenannten Impulsprodukten – Einzelportionen für unterwegs. Dieser Trend verstärkte sich nach der Pandemie, als der Konsum sich von Familienpackungen im Gefrierschrank wieder hin zum spontanen Genuss verlagerte. Einzelbecher, Riegel und Stieleis wachsen besonders stark. Gleichzeitig verlieren traditionelle Straßenkioske an Bedeutung. Ihr Umsatz sank im ersten Halbjahr 2024 um über 24%, während der Verkauf über Supermärkte, Discounter und Nahversorger dominiert. Über 90% des Absatzes läuft inzwischen über den Einzelhandel.

Preisbewusste Verbraucher greifen zunehmend zu Handelsmarken. Diese Eigenmarken verzeichneten im ersten Halbjahr 2024 das stärkste Wachstum aller Marktteilnehmer (+43,6 %). Auch Online-Lieferdienste gewinnen Marktanteile, insbesondere im Premiumsegment. Die durchschnittliche Portion Eis kostet im Laden rund 70 Rubel, rund 75 Cent. In abgelegenen Regionen wie im Fernen Osten über 100 Rubel, 1,05 Euro, in günstigeren Regionen unter 50 Rubel, 55 Cent.

Deutschland produziert mehr, Russland holt auf

Im Vergleich zum deutschen Markt entwickelt sich der russische Eismarkt dynamischer. Während die deutsche Industrie 2024 rund 606.500 Tonnen Speiseeis produzierte, ein leichter Rückgang um 0,5%, wuchs Russlands Volumen um 16,5% auf etwa 600.000 Tonnen. Das entspricht in etwa 4,5 Litern pro Kopf in Russland gegenüber 7,9 Litern in Deutschland.

Quellen: Foodmarket, Holodinfo, Kommersant, Forbes (alle RU) Lebensmittelpraxis (DE)