Fokusanalyse

Der Plan von Miami: Wirtschaft als Friedenshebel?

2025-12-03 16:34
Analyse

In einem Strandhaus in Miami Beach entwerfen Steve Witkoff, Kirill Dmitrijew, Chef des russischen Staatsfonds RDIF, und Jared Kushner, Schwiegersohn des US-Präsidenten, einen Fahrplan für die Zeit nach dem Waffengang in der Ukraine. De facto, so beschreibt es das Wall Street Journal, geht es aber nicht nur um einen Friedensplan, sondern auch um einen wirtschaftspolitischen Masterplan: Russlands Volkswirtschaft mit einem BIP von 2 Bio. US-Dollar und kaufkraftparitätisch einem BIP von 7 Bio. US-Dollar, soll wieder an die Weltmärkte angeschlossen werden, mit amerikanischen Konzernen als bevorzugten Partnern.

Auffallend und bezeichnend ist, dass in den aktuellen Gesprächen über mögliche Lösungswege und die Vorbereitungen eines Waffenstillstands- und Friedensschlusses nicht die Außenminister Sergej Lawrow und Marco Rubio die entscheidende Rolle spielen, sondern Deal-Maker aus der Wirtschaft wie Steven Wittkoff und Kirill Dimitrijew. Damit verschiebt sich die Gewichtsverteilung hin von offizieller Diplomatie hin zu privatwirtschaftlich geprägten Netzwerken. „Make money not war“, brachte es das Wall Street Journal in seiner Überschrift auf den Punkt.

Kernidee des „Plans von Miami“ ist es, wirtschaftliche Anreize als Hebel für ein Friedensabkommen zu nutzen. Der russische Unterhändler Kirill Dmitrijew schlägt vor, rund 300 Mrd. US-Dollar an eingefrorenen Reserven der russischen Zentralbank für gemeinsame US-russische Projekte und eine US-geführte Rekonstruktion der Ukraine einzusetzen. Ergänzt werden soll dies durch Großvorhaben in der Arktis: von LNG-Projekten über Seltene-Erden-Minen bis hin zu neuen Transportkorridoren.

Für Teile der amerikanischen Wirtschaft würde ein solches Modell die Chance eröffnen, in einen Markt zurückzukehren, in dem vor den Sanktionen Hunderte US-Unternehmen aktiv waren. Dmitrijew, der am 30. November von der amerikanischen Handelskammer in Russland, American Chamber in Russia (AmCham), eine Auszeichnung für seine „Führungsrolle bei der Stärkung des Dialogs zwischen den USA und Russland“ erhalten hat, beziffert die entgangenen Gewinne amerikanischer Firmen infolge der Sanktionspolitik auf mehr als 300 Mrd. US-Dollar.

Von Nord Stream bis Arktis-Gas: Die Wirtschaftsdeals im Detail

Hinter dem Plan von Miami ist ein dichtes Geflecht konkreter Projektideen, bei denen Energie- und Rohstoffdeals im Fokus stehen. Laut Wall Street Jorunal sondieren kremlnahe Unternehmerkreise um Gennadi Timtschenko, Juri Kowaltschuk und die Brüder Boris und Arkadij Rotenberg Möglichkeiten, die sabotierte Pipeline Nord Stream 2 wirtschaftlich zu reaktivieren. Trump-nahe Investoren wie Stephen Lynch lassen prüfen, ob sich das Rohrsystem im Rahmen eines Schweizer Insolvenzverfahrens erwerben ließe: Vorausgesetzt, das US-Finanzministerium erteilt entsprechende Lizenzen.

Parallel laufen Gespräche über US-Rückkehrszenarien in russische Öl- und Gasprojekte. Mitte 2025 wurde berichtet, dass Führungskräfte des US-Rohstoffgiganten ExxonMobil, darunter Vize-President Neil Chapman, vertrauliche Gespräche hinter den Kulissen mit Rosneft-CEO Igor Setschin in Doha, Katar, geführt hatten. Bei diesen Gesprächen soll die Möglichkeit einer Rückkehr von Exxon zum Sachalin-1-Projekt und anderen Aktivitäten erörtert worden sein.

Weitere US-Investoren, darunter der Multimiliardär Todd Boehly, soll laut Branchenkreisen die ausländischen Vermögenswerte des russischen Ölgiganten Lukoil kaufen wollen, die von Präsident Donald Trump zusammen mit Aktiva des Ölkonzerns Rosneft als Durckmittel gerade erst unter Sanktionen gestellt worden waren.

Im Arktisraum zeichnen sich zusätzliche Vorhaben ab. Der private russische Gasproduzent Novatek bietet gemeinsam mit Timtschenko US-Partnern Minderheitsbeteiligungen von bis zu 9,9% an LNG-Projekten in der Arktis an – formal unterhalb von Schwellen, ab denen bestimmte US-Regelungen greifen. Gleichzeitig werden Konzessionen für Gasvorkommen im Ochotskischen Meer und Explorationsrechte in mehreren sibirischen Regionen mit noch unerschlossenen Lagerstätten seltener Erden in Aussicht gestellt.

Rekonstruktion durch Reserven: Der Plan für eingefrorenes russisches Vermögen

Ein zentraler Baustein des Miami-Plans ist der Umgang mit den rund 300 Mrd. US-Dollar an eingefrorenen russischen Zentralbankreserven, die überwiegend bei Euroclear in Belgien liegen. Kirill Dmitrijew schlägt vor, diese Gelder, formal weiter in russischem Eigentum, für zwei Zwecke zu verwenden: erstens zur Finanzierung eines von den USA gelenkten Wiederaufbaus der Ukraine und zweitens für gemeinsame US-russische Investitionsprojekte in strategischen Sektoren.

Washington und Moskau würden sich auf ein rechtliches Konstrukt einigen, das eine Treuhandlösung oder vertraglich gebundene Investmentfonds ermöglicht. Für die russische Seite wäre dies ein kalkulierter Kompromiss: Ein Teil der eingefrorenen Gelder würde in kontrollierte wirtschaftliche Nutzung überführt, statt dauerhaft blockiert zu bleiben. Die US-Wirtschaft würde erheblich profitieren: Die Rekonstruktion der Ukraine würde im Kern von amerikanischen Firmen übernommen.

Die Nutzung der Reserven ist jedoch geopolitisch hochsensibel. Europäische Staaten betrachten den Ansatz mit großer Skepsis. In Brüssel überwiegt die Befürchtung, dass Washington auf diesem Weg die Kontrolle über ein zentrales Druckmittel der bisherigen Sanktionspolitik gewinnt. Gleichzeitig kritisieren EU-Diplomaten, dass ein solcher Mechanismus Russland de facto Zugang zu seinen eingefrorenen Geldern eröffnet, ohne dass substanzielle territoriale oder sicherheitspolitische Zugeständnisse vorliegen.

Die neue Energieachse: US-Russische Energie-Allianzen in Arktis, LNG und Rohstoffen

Ein zentrales Element des Miami-Plans ist der Aufbau einer strukturellen Energiekooperation zwischen den USA und Russland, die, im Erfolgsfall, die bestehenden globalen Energieströme neu ordnen könnte. Im Mittelpunkt stehen Projekte in der Arktis, im LNG-Sektor sowie im Bereich seltener Erden. Russische Akteure signalisieren offen, dass amerikanische Unternehmen als bevorzugte Partner angesehen werden, während europäische Firmen aufgrund ihrer politischen Linie als „unzuverlässig“ eingestuft werden.

Besonders weit fortgeschritten sind die Sondierungen zu Novateks Großprojekten im Hohen Norden. Gespräche zwischen dem Unternehmen und Trump-nahe Investoren wie Gentry Beach, Chef von „America First Global“ beinhalten Beteiligungen von bis zu 9,9% an neuen LNG-Clustern. Die Beteiligungsgrenze ist so gewählt, dass bestimmte US-Sanktionskriterien nicht greifen. Gleichzeitig evaluieren US-Konzerne wie Exxon Mobil eine mögliche Rückkehr in die LNG- und Ölprojekte auf Sachalin.

Aus US-Sicht entsteht daraus ein potenziell stabiler, politisch kontrollierbarer Rohstoffzugang. Aus russischer Perspektive könnte die Kooperation helfen, europäische Märkte zu ersetzen und westliche Technologien partiell zurückzugewinnen. Beide Seiten versprechen sich darüber hinaus strategische Vorteile im Arktisraum: kürzere Schifffahrtswege entlang der Nördlichen Seeroute, der Bau neuer Tiefwasserhäfen und möglicherweise sogar gemeinsame Logistikzentren.

Wie Dmitrijew zum global vernetzten Machtvermittler wurde

Kirill Dmitrijew, heute einer der einflussreichsten Wirtschaftsakteure im Umfeld des Kreml, verfügt über eine Karriere, die global vernetzte Finanznetzwerke verbindet. Die Laufbahn des in Kiew geborenen Dmitrijews begann im postsowjetischen Russland, setzte sich aber entscheidend in den USA fort: Mit Stationen an Stanford und Harvard sowie Erfahrung bei McKinsey und Goldman Sachs entwickelte er früh ein Profil, das ihn in internationalen Finanzkreisen anschlussfähig machte.

Seinen Durchbruch erzielte Dmitrijew nicht in Moskau, sondern in der ukrainischen Hauptstadt, wo er den Private-Equity-Fonds „Icon“ leitete, mit Zugang zu Vermögenswerten des ukrainischen Magnaten Wiktor Pintschuk. Diese Phase etablierte ihn als Dealmaker zwischen osteuropäischen Eliten und westlichen Investoren. Über Pintschuk knüpfte er Kontakte zu Wladimir Dmitrijew (nicht verwandt), dem damaligen Leiter der staatlichen Entwicklungsbank VEB. Gemeinsam bereiteten sie die Gründung des Russian Direct Investment Fund (RDIF) vor, der 2011 startete.

Der RDIF wurde zu einem Kerninstrument russischer Wirtschaftsaußenpolitik. Dmitrijew nutzte den Fonds, um Investoren aus dem Golf anzuziehen, darunter aus Abu Dhabi und Fonds aus Saudi-Arabien und Katar. Über den RDIF schuf er eine dauerhafte Achse zwischen russischer Wirtschaftspolitik und den Staatsfonds der Golfstaaten. Zahlreiche Großprojekte, von Infrastruktur über Lebensmittelproduktion entstanden entlang dieser Verbindung.

Kirill Dmitrijews Ehefrau, Natalia Popowa, ist seit Jahren eng mit Katerina Tichonowa verbunden, die eine der Töchter von Wladimir Putins. Beide arbeiteten gemeinsam in führenden Positionen bei Innopraktika, einem wissenschaftsnahen Innovationszentrum an der Moskauer Staatlichen Uniweristät (MGU). Durch diese institutionellen und persönlichen Verbindungen gilt Dmitrijews Familie als in das unmittelbare soziale Umfeld des Präsidenten eingebettet.

Bereits 2016, nach Trumps erstem Wahlsieg, forcierte Dmitrijew aktiv einen politischen Kanal nach Washington. 2019 tauchte sein Name in dem Abschlussreport des US-Sonderermittlers Mueller auf. Der Mueller-Report war der Abschlussbericht des US-Sonderermittlers Robert Mueller zu Kontakten zwischen Trumps Umfeld und russischen Akteuren. Dmitrijew tauchte darin auf, weil er über inoffizielle Kanäle versuchte, nach Trumps Wahlsieg Verbindungen nach Washington aufzubauen und sich besipielsweise mit dem Trump Vertrauten Erik Prince, Gründer der privaten Sicherheitsfirma Blackwater, auf den Seychellen traf.

Auch nach seiner Sanktionierung 2022 blieb Dmitrijew inoffiziell präsent über Kontakte in die Golfstaaten und Netzwerke rund um Jared Kushner, den Schwiegersohn des amerikanischen Präsidenten Donald Trump.

Diplomaten, mit denen das britische Nachrichtenmagazin The Guardian sprach, beschreiben ihn als ehrgeizig und in Eigenwerbung versiert. Gegenwärtig sei Dmitrijew im russischen Machtapparat nahezu unangreifbar, weil er, wie Insider gegenüber britischen Journalisten sagten, „wirtschaftliche Probleme in politische Optionen verwandeln kann“.

„Nicht Frieden, sondern Business“ – Europas Misstrauen gegenüber dem Plan

In Europas Hauptstädten wird der Miami-Plan nicht als diplomatischer Durchbruch, sondern als geoökonomisches Projekt wahrgenommen. Die Kritik konzentriert sich auf drei Aspekte: die politische Asymmetrie des Plans, die ökonomische Bevorzugung der USA und die strategische Marginalisierung Europas. Polens Premierminister Donald Tusk brachte diese Haltung auf den Punkt: „Wir wissen, es geht nicht um Frieden. Es geht ums Geschäft.“

Die Süddeutsche Zeitung bezweifelt, dass aus dem Miami-Plan etwas Konkretes entstehen könnte und schreibt: „Witkoff sei Moskau gegenüber zwar aufgeschlossen, in Washington aber politisch schwach.“

Europäische Diplomaten verweisen darauf, dass zentrale Punkte des Plans deutlich russischen Interessen entsprechen. Die angedachte territoriale Neuordnung wird in EU-Hauptstädten als Gefährdung der europäischen Sicherheitsarchitektur eingestuft. Zudem wird kritisiert, dass wesentliche Elemente des Plans nicht mit den europäischen Verbündeten abgestimmt wurden. Mehrere Regierungen erfuhren nach Angaben aus Sicherheitskreisen erst durch ein von einem europäischen Nachrichtendienst verteiltes Dossier von den wirtschaftlichen Verhandlungsinhalten.

Washingtons Vorschlag, eingefrorene russische Zentralbankreserven für den ukrainischen Wiederaufbau zu nutzen, würde US-Firmen de facto eine privilegierte Stellung verschaffen. Europäische Regierungen fürchten, dass damit Großverträge in Infrastruktur, Energie und Digitalisierung zumeist an US-Konzerne gehen.

Die Aussicht auf eine direkte Kooperation zwischen US-Konzernen und russischen Energieunternehmen, einschließlich möglicher Beteiligungen an LNG-, Pipeline- und Rohstoffprojekten, wird in Europa mit Sorge beobachtet. Eine solche Achse könnte bestehende europäische Diversifizierungsstrategien unterlaufen und die Abhängigkeit von US-Rohstoffimporten erhöhen, während Russland neue Absatzmärkte gewinnt.

Ein weiterer Unsicherheitsfaktor ist die politische Volatilität der US-Führung. Europäische Regierungen verweisen auf widersprüchliche Signale der US-Administration: Während Außenminister Marco Rubio in Gesprächen mit Sergej Lawrow auf harten Bedingungen pocht, verfolgen Donald Trump und sein Sondergesandter Steve Witkoff eine stärker transaktionale Linie. Es gibt Befürchtungen, Europa könne in eine Nebenrolle gedrängt werden, in einem Konflikt, dessen sicherheitspolitische und finanziellen Folgen vor allem den europäischen Kontinent betreffen.

Quellen: Ostwirtschaft, SZ, Handelsblatt (alle DE), WSJ, Guardian (EN), Ria Novosti (RU)