Fokusanalyse

Ozon, Wildberries und Yandex: Die neuen Rivalen der Großbanken

2025-11-27 12:14
Hintergrund

Mit der Gründung eigener Banken haben die führenden russischen E-Commerce-Plattformen eine neue Dimension der Konkurrenz zu den russischen Großbanken eröffnet. Ozon Bank, Wildberries Bank und Yandex Bank verfügen mittlerweile über bankregulatorische Lizenzen und bedienen Millionen Nutzer direkt in ihren digitalen Ökosystemen. Die größte „Marktplatz-Bank“, die Ozon Bank, zählt seit 2025 laut Zentralbank offiziell zu den „bedeutenden Zahlungsakteuren Russlands“. Die Bank verzeichnete ein explosives Wachstum: Zwischen Ende 2023 und Anfang 2025 stiegen die Aktiva um das 3,5-Fache, die Bank kletterte im Ranking nach Vermögensgröße von Platz 77 auf Platz 35.

Ozon, das in Analogie zu seinem westlichen Vorbild Amazon so benannt wurde, führte früh die „Ozon Karte“ ein, eine dem russischen „Mir System“ angeschlossene Debitkarte mit Cashback. Diese wurde millionenfach ausgegeben und ist längst aus dem Marktplatz hinausgewachsen: Der Anteil externer Kartenzahlungen stieg von 5% im Jahr 2022 auf über 40% Ende 2024. Parallel etablierte Ozon Sparprodukte mit wettbewerbsfähigen Zinssätzen sowie eine eigene Kredittochter für Mikrokredite nach dem Prinzip „Buy Now, Pay Later“. Seit 2024 gehört das Unternehmen zu den drei größten Mikrofinanzierern Russlands.

Auch Wildberries Bank hat früh eine Lizenz erworben, indem sie 2021 die Standard-Kredit-Bank übernahm, und führte seit Spätsommer 2025 erstmals eigene Debitkarten ein. Für Verkäufer existieren Geschäftskonten, Händlerkredite und ein vollständig digitaler Finanzierungsservice über die Tochter WB Finance.

Yandex hat seine Bankaktivitäten durch die Übernahme der Bank Acropol 2021 massiv verstärkt. Die Yandex Bank bietet seit 2022 digitale Karten an, die in den gesamten Yandex-Diensten – von Taxi bis Lieferservice – genutzt werden können.

Obwohl die Plattform-Banken in absoluten Zahlen noch weit hinter Sberbank und VTB stehen, ist ihre Wachstumsdynamik stark. Für traditionelle Banken entsteht ein völlig neuer Wettbewerbsdruck.

Rabatt-Kontroverse: Cashback wird zum Politikum

Der Kernkonflikt zwischen Plattform-Banken und traditionellen Kreditinstituten eskalierte Mitte November 2025. Ozon und Wildberries gewähren Kunden spezielle Rabatte, wenn sie mit der eigenen Plattformkarte zahlen. Großbanken argumentieren, diese Mechanik verzerrte den Wettbewerb, weil die Plattform den Preis bestimmt und befreundete Banken bevorteilt. Zentralbankchefin Elvira Nabiullina nannte die Rabattmodelle eine „versteckte Form des Konkurrenzkampfs“, da andere Banken auf den Plattformen nicht dieselben Vergünstigungen bieten könnten.

Auf Nabiullinas Initiative legte die Zentralbank dem Wirtschaftsministerium einen Vorschlag vor, der den Verkauf eigener Bankprodukte direkt auf den Plattformen untersagen soll. De facto richtet sich das Verbot gegen die Kopplung von Kartenzahlung und Rabatten. Sberbank, VTB und die private Alfa Bank unterstützten diesen Vorstoß in einem Lobbybrief an die Duma.

Die Plattformen wehrten sich vehement. Wildberries-Chefin Tatjana Kim sprach von einem „zynischen Versuch, Konkurrenten zu zerstören“, und verwies darauf, dass Großbanken ihrerseits E-Commerce-Angebote hätten, zum Beispiel die Sberbank mit Sbermarket. Ozon argumentierte, die Rabatte seien legitime Marketinginstrumente, die Verbrauchern realen Nutzen brächten.

Rabatte sind im digitalen Handel der stärkste Hebel für Kundenbindung. Jede Einschränkung könnte das Geschäftsmodell der Plattformbanken fundamental verändern.

Monopolbehörde und öffentliche Meinung

Die Monopolbehörde FAS widersprach am 26. November den Großbanken und der Zentralbank und erklärte, E-Commerce-Marktplätze unterlägen längst den Regeln des Wettbewerbsrechts.

Gleichzeitig intervenierte die Behörde gegen einzelne Praktiken. Besonders umstritten war die Pflicht für neue Wildberries-Verkäufer, ein WB-Bankkonto zu eröffnen. Die FAS sah darin einen möglichen Missbrauch von Marktmacht und warnte das Unternehmen im Juni 2025 offiziell. Zwar erklärte Wildberries, das Konto diene allein der Identifizierung und müsse nicht aktiv genutzt werden, doch die AGB sahen Einschränkungen des Händlerzugangs ohne Konto vor. Die Behörde blieb skeptisch.

Parallel spielt die öffentliche Meinung eine entscheidende Rolle. Laut einer Umfrage vom 25. November des staatsnahen Umfrageinstituts WZIOM halten 64% der Russen die Forderung der Banken nach Rabattverboten für ungerecht. Fast 80% erwarten Preissteigerungen zulasten der Verbraucher.

Nach Schätzungen der Moskauer Higher School of Economics könnten Marktplatzpreise bei einem Rabattverbot um 30% bis 35% steigen.

Quellen: Kommersant 1, 2, RBC, Izvestia (alle RU)