Fokusanalyse

DIHK-Konjunkturumfrage Herbst 2025

2025-11-10 14:48
Analyse

Sorge vor Deindustrialisierung und hohe Unsicherheit

In deutschen Unternehmen wächst die Sorge vor einer zumindest schleichenden Deindustrialisierung in Deutschland. Das ergibt sich aus der jüngsten Konjunkturumfrage der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK), bei der in diesem Herbst 23.000 Antworten aus 79 Industrie - und Handelskammern ausgewertet wurden. Die Befragung zeigt, dass die Zukunftssorgen der Unternehmen vielfältige innerdeutsche Gründe haben, aber auch durch weltpolitische Vorgänge genährt werden. Die Herbstumfrage der DIHK gilt wie auch die Frühjahrsumfrage als Stimmungsbarometer für die Befindlichkeit und die Aussichten der deutschen Wirtschaft.

Die Sorgen vieler Unternehmen vor Deindustrialisierung und dauerhafter Krise werden laut der DIHK-Umfrage verstärkt durch die US-Handelspolitik unter Donald Trump, die für „hohe Unsicherheiten“ sorge. Die DIHK kommt zu der Einschätzung, dass die „handelspolitischen Verwerfungen durch die US-Zollpolitik die exportorientierte deutsche Industrie hart treffen“. Diese Probleme verschärfen die Furcht vor einer sinkenden Auslandsnachfrage, zu der sich 48% der befragten Unternehmen bekennen. Vor allem dem deutschen Kraftfahrzeugbau hat die US-Zollpolitik „einen kräftigen Dämpfer“ verpasst. Die von den USA angedrohten hohen Zölle auf europäische Fahrzeuge haben in der deutschen Automobilindustrie zu einer pessimistischen Lageeinschätzung geführt.
Deutschland, warnt die DIHK, verliere durch die mangelnde Wettbewerbsfähigkeit im internationalen Vergleich Marktanteile. Ein starker Euro und strukturelle Herausforderungen im Inland schmälerten die internationale Konkurrenzfähigkeit deutscher Betriebe und dämpften die Nachfrage nach Produkten aus Deutschland. So rechneten 29% der Unternehmen für das kommende Jahr mit sinkenden Ausfuhren. Nur jedes fünfte Unternehmen zeigt sich optimistisch und geht von einer Steigerung seiner Exporte aus.

Die aktuellen Einschätzungen und Erwartungen für das Exportgeschäft liegen weit unter langjährigen Durchschnittswerten.

Chemische und Pharmazeutische Industrie in der Krise

Als nach wie vor großes Problem betrachten viele Unternehmen die hohen Energie- und Rohstoffpreise. Diese sind zwar seit Jahresbeginn etwas gesunken, liegen aber noch immer deutlich über dem Vorkrisenniveau. Negativ bemerkbar für die Unternehmen macht sich vor allem das Fehlen des preisgünstigen russischen Erdgases seit der militärischen Intervention Russlands in der Ukraine. Jedes zweite Unternehmen (49%) betrachtet derzeit die Energie- und Rohstoffpreise als Geschäftsrisiko. Unternehmen in energieintensiven Industrien nennen zu 67% die Energiepreise als maßgebliches Risiko für ihr Geschäft.

Die Energiepreisprobleme betreffen vor allem die Chemische Industrie. Dort mache sich Pessimismus breit, so das Ergebnis der Umfrage. Vor allem Chemiebetriebe hatten jahrzehntelang von den günstigen Gaslieferungen aus Russland profitiert. Als besonders ernst erweist sich die Lage der Pharmazeutischen Industrie. Dort sind die Exporterwartungen stark gesunken und liegen weit unter dem langjährigen Durchschnitt. Die Hauptursache dafür sieht die DIHK in der von der US-Zollpolitik ausgelösten tiefen Verunsicherung. Denn die deutsche Pharmaindustrie lieferte 2024 für 35 Mrd. US-Dollar Produkte allein in die Vereinigten Staaten.

Die Pharmaindustrie gilt als Eckpfeiler der deutschen Exportwirtschaft. Arzneimittel gehörten im Jahr 2023 mit Ausfuhren in Höhe von 119 Mrd. US-Dollar zu den fünf größten deutschen Exportgütern. Dabei sind die Vereinigten Staaten der mit Abstand wichtigste Handelspartner. Zeitweise wurden von den USA Zölle von bis zu 100% für deutsche Pharmaprodukte angedroht. Schließlich ließ sich die EU-Kommission von den USA dazu drängen, einer Erhöhung der Zölle auf 15% zuzustimmen.
Parallel schwächeln auch die beiden wichtigsten Exportbranchen der deutschen Wirtschaft, die Automobilindustrie und der Maschinenbau. Die Exporterwartungen der deutschen Maschinenbauer sind in diesem Jahr deutlich niedriger als im Durchschnitt früherer Jahre. Auch hier wirkt sich der Zollstreit mit den USA aus. Zudem müssen die Exporteure Stahl- und Aluminiumanteile und deren Herkunft nachweisen, was für viele Betriebe eine neue Belastung darstellt. Auch die Kraftfahrzeugbranche liegt mit ihren Exporterwartungen erheblich unter dem früheren Durchschnitt. Im Bereich der Elektromobilität haben viele deutsche Hersteller Probleme, mit der chinesischen Konkurrenz mitzuhalten.

Entsprechend kommentierte auch DIHK-Außenwirtschaftschef Volker Treier die Exportzahlen, die am Freitag veröffentlicht wurden, und verwies ebenfalls auf die pessimistische Stimmung in den Unternehmen: „Das leichte Exportplus im September ist ein Tropfen auf den heißen Stein. Die aktuellen Zahlen aus der Industrie lassen einen schnellen Aufschwung bei Weitem nicht erwarten.“ Trotz leichter Zuwächse bei Auftragseingängen und Produktion bleibe das Niveau im Verarbeitenden Gewerbe niedrig, so Treier: „Für 2025 erwarten wir einen Rückgang der Exporte um rund ein Prozent, 2026 dürfte nur ein minimales Plus von 0,5 Prozent folgen – zu wenig, um verlorene Marktanteile zurückzugewinnen. Deutschlands Exportwirtschaft droht, international den Anschluss zu verlieren.“

Investitionsaussichten trüb

Im Baugewerbe erweist sich der Fachkräftemangel nach Auskunft von 59% der Unternehmen (im Tiefbau sogar 69%) als eine der größten Herausforderungen. Dieses Problem hat sich seit der Corona-Pandemie verschärft. Im Baugewerbe planen derzeit nur 14% der Unternehmen, ihr Budget für Investitionen zu erhöhen, 33% wollen es kürzen. Dabei ist das Investitionsklima im Tiefbau besser als im Hochbau. Nach DIHK-Einschätzungen zeigt das von der Regierung angekündigte Sondervermögen für Infrastruktur im Bau bislang noch keine Wirkung.

Insgesamt erweisen sich die Investitionsabsichten der Unternehmen als gedämpft. 31% der befragten Betriebe wollen ihre Investitionen verringern, nur 22% planen eine Erhöhung. 25% der Betriebe machen die schwache Inlandsnachfrage dafür verantwortlich, das sinkende Auslandsgeschäft, Energie- und Rohstoffpreise sowie wirtschaftspolitische Rahmenbedingungen. Investiert wird weniger in den Ausbau der Geschäfte als in den Erhalt bestehender Strukturen.
Bescheidener als in der Gesamtwirtschaft fallen die Investitionspläne in der Industrie aus. Mehr als ein Drittel der deutschen Industriebetriebe will Investitionen reduzieren, nur 20% planen eine Ausweitung. Im Bereich der Dienstleister haben sich die Investitionsaussichten ebenfalls reduziert. Ein Viertel der Dienstleistungsunternehmen wollen ihre Kapitalbudgets aufstocken, doch 27% planen Kürzungen bei Investitionen.

Im Handel bleiben Investitionen wie schon seit zwei Jahren auf sehr niedrigem Niveau. Nur 20% der Handelsunternehmen wollen in nächster Zeit mehr investieren, während 36% Kürzungen planen. Mehr als ein Drittel der Händler wollen in Rationalisierung investieren, mehr als in den letzten zwanzig Jahren, was auch auf verzögerte Modernisierung hindeuten könnte.

Ein Blick auf verschiedene Klassen von Unternehmensgrößen zeigt, dass vor allem die Großunternehmen mit mehr als 1000 Beschäftigten noch Ressourcen für Investitionen haben. In diesem Bereich plant fast jeder dritte Betrieb wachsende Investitionen, während 23% das Investitionsvolumen senken wollen. Unternehmen mit bis zu 200 Mitarbeitern hingegen sind bei Investitionen zurückhaltender als die Gesamtwirtschaft.

Regierung ohne Schlagkraft

Vor dem Hintergrund der Konjunkturumfrage zieht die DIHK-Hauptgeschäftsführerin Helena Melnikov das Fazit: „Fünf Jahre nach dem Beginn der Pandemie liegen die Unternehmensinvestitionen noch immer rund 10% unter dem Vorkrisenniveau“. Da 85% der jährlichen Investitionen aus dem privaten Sektor stammten, so Melnikov, sei das „ein Alarmsignal“. So erwarteten nur 15% der Betriebe eine Verbesserung der wirtschaftlichen Lage in den kommenden zwölf Monaten. Die deutsche Wirtschaft trete weiter auf der Stelle. Deutschland zeige eine Stagnation der Wirtschaftsleistung und könne lediglich ein Mini- Wachstum von 0,7% vorweisen. Dies sei noch kein wirklicher Aufschwung.
In diesem Kontext moniert Melnikov eine mangelnde Effizienz der bisherigen Politik der neuen Bundesregierung. Die Regierung habe zwar die richtigen Themen erkannt, aber noch nicht die notwendige Schlagkraft entwickelt. Die Wirtschaft brauche nach drei Jahren ohne Wachstum mehr als nur Symbolpolitik. Melnikov bilanziert: „Die Stimmung hat sich seit dem Regierungsantritt nicht verbessert, sondern im Gegenteil leicht eingetrübt“.

56% der Unternehmen sähen in den Arbeitskosten eines ihrer größten Geschäftsrisiken. Steigende Sozialabgaben und die jüngste Erhöhung des Mindestlohnes wirkten sich spürbar aus, etwa im Gastgewerbe. Die Unternehmen, so Melnikov, bräuchten jetzt spürbare Entlastungen und verlässliche Rahmenbedingungen. So dürfe die versprochene Stromsteuersenkung für alle nicht länger aufgeschoben werden.
Die befragten Unternehmen gehören zu 47% zu Dienstleistern, zu 26% zur Industrie, zu 21% zum Handel und zu 7% zur Bauwirtschaft. Der Querschnitt der Befragten spiegelt die starke Stellung des Mittelstandes in der deutschen Wirtschaft. 39% der interviewten Betriebe haben weniger als zehn Beschäftigte, 14% beschäftigen unter 20 Mitarbeitern, 37% zählen bis zu 199 Beschäftigten, bei 8% stehen 200 bis 999 Menschen in Lohn und Gehalt, während nur 2% mehr als 1000 Mitarbeiter beschäftigen.

Bürokratie bremst Unternehmensgründer

Dass am Wirtschaftsstandort Deutschland einiges im Argen liegt, bestätigt auch der aktuelle DIHK-Report Unternehmensgründung 2025: Fast 60% der Gründerinnen und Gründer sind unzufrieden mit den Rahmenbedingungen – ein neuer Negativrekord. Bürokratie, hohe Kosten und schleppende Digitalisierung bremsen den Unternehmergeist aus. Besonders alarmierend: Das Gründungsinteresse stagniert auf historisch niedrigem Niveau, obwohl die Motivation, Unternehmerin oder Unternehmer zu sein, ungebrochen bleibt. Ein Lichtblick ist das wachsende Interesse von Frauen an der Selbstständigkeit – hier zeigt sich Veränderungspotenzial.

Doch die Forderungen der Gründer sind klar: Weniger Bürokratie, einfachere Prozesse und mehr gesellschaftliche Anerkennung. DIHK-Präsident Peter Adrian mahnt: „Wenn wir ihre Dynamik verlieren, verlieren wir Zukunft.“ Die Politik ist gefordert, die Modernisierungsagenda konsequent umzusetzen – gemeinsam mit den IHKs und im Sinne der Gründerinnen und Gründer.