Fokusanalyse

Wachstumsprognosen schmelzen: Russische Zentralbank vor weiterer Zinssenkung?

Analyse

„Wir erwarten im laufenden Jahr ein Wirtschaftswachstum von rund 1,5 bis 2%“, sagte der russische Finanzminister Anton Siluanov am Rande des BRICS-Gipfels in Rio de Janeiro am 6. Juli. Bisher war die russische Regierung davon ausgegangen, dass 2025 noch ein Wirtschaftswachstum von 2,5% erreicht wird.

Zwei Prozent Wachstum traut auch das renommierte „Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (wiiw)“ der russischen Wirtschaft zu. Es veröffentlicht vier Mal jährlich Prognosen für die Konjunkturentwicklung in 23 Ländern in Mittel-, Ost- und Südosteuropa. Das wiiw blieb in seiner „Sommerprognose“ von Anfang bei seiner Prognose, dass die russische Wirtschaft 2025 um 2% wächst. Zwei Prozent Wachstum hat kürzlich auch die in Almaty in Kasachstan ansässige „Eurasische Entwicklungsbank“ für Russland prognostiziert.

Umfragen bei russischen Unternehmen signalisierten zuletzt jedoch eine Abnahme der Wirtschaftsaktivitäten. Es gibt Hinweise, dass nach dem Finanzminister voraussichtlich auch die russische Zentralbank und der Internationale Währungsfonds ihre Wachstumsprognosen für die russische Wirtschaft senken werden.

Wiener Institut erwartet weniger Wachstum

Die Teilnehmer an einer Reuters-Umfrage von Anfang Juli prognostizierten, dass die russische Zentralbank ihren Leitzins auf ihrer Vorstandssitzung am 25. Juli voraussichtlich um einen weiteren Prozentpunkt auf 19% senken wird. Gründe dafür sind das abschwächende Wachstum und die sich verlangsamende Inflation. Umfrage-Teilnehmer gehen davon aus, dass der Anstieg der Verbraucherpreise gegenüber dem Vorjahresmonat von 9,9% im Mai auf 7% im Dezember 2025 sinkt.

Auch der Russland-Experte des Wiener Wirtschaftsinistituts (wiiw), Vasily Astrov, erwartet eine baldige Senkung des Leitzinses. Gegenüber dem amerikanischen Nachrichtenmagazin Newsweek meinte er, er sei sich „fast sicher“, dass Zentralbankpräsidentin Nabiullina bei der nächsten Sitzung Ende Juli mit Verweis auf die gesunkene Inflation die Geldpolitik weiter lockern werde, statt eine Stagnation und Rezession der Wirtschaft zu riskieren.

Zu der kontroversen Diskussion von Wirtschaftsminister Reschetnikow, Finanzminister Siluanow und Zentralbankpräsidentin Nabiullina auf dem Wirtschaftsforum in St. Petersburg Ende Juni meinte Vasily Astrov, dass in Russland noch immer „viel Freiheit in wirtschaftspolitischen Debatten“ bestehe. Da die hohen Zinssätze die Wirtschaftsaktivitäten dämpfen würden, plädiere Wirtschaftsminister Reschetnikow für eine Zinssenkung und stelle die Wirtschaftslage negativ dar (Reschetnikow meinte beim SPIEF, Russland stehe „am Rande einer Rezession“). Notenbankpräsidentin Nabiullina spiele hingegen die konjunkturellen Risiken herunter, da ein offenes Eingeständnis dieser Risiken für sie einer Selbstkritik gleichkäme. Ihre straffe Geldpolitik sei der wichtigste Faktor für die Abschwächung der Konjunktur. Deshalb spreche sie von einer „geplanten Abkühlung“ der überhitzten Wirtschaft, so Astrov.

Das Wiener Institut stellt in seinem „Country Overview Russia“ fest, dass sich das Wachstum der russischen Wirtschaft nach zwei Jahren Boom deutlich abgeschwächt hat. Es verweist darauf, dass die jährliche Wachstumsrate der Gesamtwirtschaft in den ersten vier Monaten des Jahres 2025 bei einem Anstieg der Industrieproduktion von 1,2% lediglich 1,6% erreicht habe. Selbst dieses Ergebnis sei ausschließlich der Rüstungsproduktion zu verdanken. Eine Verlangsamung des Wachstums sei angesichts des Auslaufens der „fiskalischen Impulse“ und der durch die Sanktionen bedingten Importsubstitution aber auch zu erwarten gewesen.

In seinem „Basis-Szenario“ bleibt das Wiener Institut bei seiner Prognose eines BIP-Wachstums von 2% für 2025. Dabei nimmt es an, dass der Senkung des Leitzinses auf 20% wahrscheinlich weitere Senkungen folgen. Gleichzeitig warnt das wiiw: „Sollte sich die geldpolitische Lockerung jedoch verzögern oder zu langsam erfolgen, könnte das Wachstum in diesem Jahr durchaus eher bei 1-1,5% liegen.“
Das wiiw stellt fest, das allgemeine Kreditwachstum sei in Russland real ins Stocken geraten. Das Wachstum der privaten Kredite sei sogar negativ geworden, was die Nachfrage nach langlebigen Konsumgütern und Wohnraum beeinträchtige. Mit der Abkühlung der Nachfrage sei die Inflation bis April auf annualisierter Basis auf rund 6% gesunken.

Das Institut erwartet, dass eine geldpolitische Lockerung neben einer Unterstützung der Kreditaktivität auch einen „dringend benötigten Abwertungsdruck“ auf den Rubel ausüben dürfte. Der Rubel habe seit Jahresbeginn gegenüber dem US-Dollar um rund 20% aufgewertet. Zusammen mit den sinkenden Ölpreisen belaste dies Russlands Staatseinnahmen. In seiner vorherigen Prognose hatten die Wiener Wissenschaftler noch erwartet, das Wachstum der russischen Wirtschaft werde im nächsten Jahr wieder anziehen und auf 2,5% steigen. Im Frühjahr hatte es nach Einschätzung des wiiw nämlich noch so ausgesehen, als ob die US-Sanktionen angesichts einer Annäherung der Positionen der beiden Präsidenten Trump und Putin bald gelockert oder aufgehoben werden könnten.

Diese Hoffnung hat sich laut der Pressemitteilung der Wiener aber „vorerst in Luft aufgelöst“. Es sei inzwischen zunehmend unwahrscheinlich, dass die Entspannung der Beziehungen Russlands zu den USA – und die damit verbundene Aussicht auf eine Lockerung der Sanktionen – über das derzeitige Stadium hinausgehen werde. Astrov erklärt: „Das ist ein weiterer wesentlicher Grund dafür, warum Russland 2026 langsamer wachsen dürfte, als noch vor kurzem angenommen.“ Für 2026 rechnet das wiiw jetzt mit einer weiteren Abschwächung des Wirtschaftswachstums auf 1,8%.

IWF signalisiert Pessimismus

Die russische Zentralbank erwartet für dieses Jahr derzeit noch einen Produktionsanstieg von 1 bis 2%. Laut Presseberichten will sie ihre bisherige Wachstumsprognose aber „anpassen“. Das Wachstum werde niedriger ausfallen als prognostiziert, kündigte der stellvertretende Notenbankpräsident Alexey Zabotkin an.

Voraussichtlich wird auch der Internationale Wöhrungsfonds (IWF) seine Wachstumsprognose für Russland senken.

Julie Kozack, Direktorin der IWF-Kommunikationsabteilung, sagte am 3. Juli, dass die Wachstumsrate der russischen Wirtschaft angesichts der aktuellen Lage zahlreicher Branchen höchstwahrscheinlich geringer ausfallen werde. Derzeit sei in Russland nach der Überhitzung im vergangenen Jahr eine scharfe Abschwächung des Wachstums zu sehen, so die Wirtschaftswissenschaftlerin. Im April hat der IWF prognostiziert, dass sich das Wachstum 2025 auf 1,5% verlangsamen werde. Die Entwicklungen seit April legten aber nahe, dass das Wachstum noch niedriger sein könnte. Kozack verwies außerdem auf zyklische Ursachen für die Verlangsamung des Wachstums. Wenn eine Überhitzungsphase zu Ende gehe, sei oft ein Abschwung zu sehen. Das sei jetzt auch in Russland so. Darüber hinaus wirke sich der Rückgang der Ölpreise und eine Verschärfung von Sanktionen in Russland aus. Die Amerikanerin stellte aber klar, dass sie der Aktualisierung des „World Economic Outlook“ nicht vorgreifen wolle, die der IWF voraussichtlich Ende Juli veröffentlichen wird.

Stimmung der Unternehmen verschlechtert sich: Einkaufsmanagerindex negativ

Der „Russia Manufacturing Purchasing-Manager Index“ des weltweit tätigen Research-Unternehmens S&P Global sank saisonbereinigt aufgrund von Mitte Juni durchgeführten Befragungen russischer Unternehmen um 2,7 Prozentpunkte auf nur noch 47,5 Punkte. Das Unterschreiten der Marke von 50 Punkten signalisiert eine Abnahme der Geschäftsaktivitäten im Vergleich zum Vormonat Mai. Dies war der stärkste Rückgang seit März 2022 und der dritte Rückgang in den vergangenen vier Monaten.

Der PMI-Index für das „Verarbeitende Gewerbe“ hat sich damit im Mai nur kurzfristig über die „Wachstumsschwelle“ von 50 Indexpunkten erholt. Vor einem Jahr im Juni 2024 notierte der Index mit 54,4 Punkten noch fast auf einem langjährigen Höchststand. Seitdem nahm er – mit starken Schwankungen – im Trend aber stetig ab.

Der Index für den Dienstleistungsbereich („S&P Global Russia Services PMI Business Activity Index“) sank im Juni ebenfalls unter die Wachstumsschwelle. Er fiel von 52,2 Punkten im Mai auf 49,2 Punkte im Juni.

Der gemeinsame Index für den Bereich des „Verarbeitenden Gewerbes“ und den Dienstleistungsbereich, der „S&P Global Russia Composite PMI Output Index, sank von 51,4 Indexpunkten im Mai auf 48,5 Punkte im Juni. Er signalisiert, so S&P Global, einen Rückgang der Geschäftstätigkeit. Sowohl das „Verarbeitende Gewerbe“ als auch die Dienstleister melden Schrumpfungen der Geschäftstätigkeit.
Natalya Orlova, Chef-Volkswirtin der privaten Alfa-Bank, machte auf eine gravierende Verschlechterung des Geschäftsklimas in den auf den Endverbrauch ausgerichteten Branchen aufmerksam. Verbunden mit der in den vergangenen Monaten bereits eingetretenen Verlangsamung des Anstieges der Verbraucherpreise spreche dies für eine weitere Zinssenkung im Juli.

Das amerikanische Unternehmen S&P Global, das weltweit die Einkaufsmanagerindexe herausgibt, nennt als Ergebnis der Umfrage russischer Manager weitere Symptome des Konjunkturabschwungs: Die Beschäftigung schrumpfte. Russische Unternehmen verzeichneten den stärksten Personalrückgang seit Dezember 2022. Die Auftragseingänge im privaten Sektor gingen zurück. Der Gesamtrückgang war zwar nur gering, aber der stärkste seit März. Der Auftragsbestand stieg in der privaten Wirtschaft jedoch insgesamt. Ein schnellerer Anstieg des Auftragsbestandes im Dienstleistungssektor überwog einen deutlichen Rückgang des Auftragsbestandes im „Verarbeitenden Gewerbe“. Gleichzeitig ließ der Inflationsdruck im „Verarbeitenden Gewerbe“ und im Dienstleistungsbereich nach. Sowohl die Einkaufspreise als auch die Verkaufspreise stiegen so langsam wie seit November 2019 bzw. Juli 2020 nicht mehr.

Osteuropa-Vergleich: Russland Schlusslicht

Auch wenn sich die vergleichsweise hohe Wachstumsprognose des Wiener Instituts für das diesjährige Wachstum der russischen Wirtschaft von 2% bestätigen sollte, wächst Russland laut wiiw bereits im laufenden Jahr deutlich schwächer als Polen (+3,5%), die Türkei (+3,4 %), Serbien (+3,0%) und Kroatien (+2,9%).
Im nächsten Jahr sieht das wiiw Russland sogar am Ende der Wachstumsrangliste: Russland wird dann auch bei einem Anstieg des realen Bruttoinlandsprodukts von 1,8% schwächer wachsen als sämtliche anderen erfassten Länder in Mittel-, Ost- und Südosteuropa.

Für die Türkei erwartet das Institut 2025 einen BIP-Zuwachs von 3,4% und 2026 sogar ein Plus von 4%.

Lesen sie die ausführliche Analyse von Klaus Dormann, dem langjährigen Analysten für Ruhrgas und E.On, auf ostwirtschaft.de.