Opora-Umfrage: Mehrheit der Unternehmer rechnet mit Abschwächung
In der russischen Wirtschaftselite herrscht Uneinigkeit über den Zustand der Konjunktur. Präsident Wladimir Putin spricht von einer „sanften Landung“ nach zwei Jahren mit starkem Wachstum und hoher Inflation. Andere, wie Sberbank-Chef German Gref, warnen hingegen vor einer drohenden Krise. Vor diesem Hintergrund veröffentlichte die Wirtschaftszeitung RBK am 8. September eine gemeinsam mit der Unternehmervereinigung Opora Rossii („Stütze Russlands“) erarbeitete Umfrage. Sie zeigt, dass viele Unternehmer die aktuelle Lage skeptisch beurteilen. Opora Rossii vertritt die Interessen kleiner und mittlerer Unternehmen (KMU), wurde 2002 gegründet und hat 450.000 Mitglieder.
Auf die Frage nach der Entwicklung der gesamtwirtschaftlichen Situation bis zum Jahresende erklärten 57% der Befragten, dass sie mit einer Abschwächung rechnen. 28% erwarten eine Erholung, während 15% keine eindeutige Prognose abgeben konnten. Damit dominiert die Einschätzung, dass die kommenden Monate von rückläufiger Dynamik geprägt sein werden.
In der Geschäftsklima-Umfrage der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer, an der im Frühjahr 255 Unternehmen teilgenommen hatten, zeigen sich die Antworten gleichmäßiger verteilt: 31% rechnen mit einer positiven oder leicht positiven Entwicklung, 31% mit Stagnation und 38% mit einer negativen Entwicklung.
Christian von Soest, Wirtschaftswissenschaftler vom German Institute for Global and Area Studies (GIGA) betonte im Podcast der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer „Zaren. Daten. Fakten.“: „Klar ist: Der Boom der vergangenen zwei Jahre kann nicht fortgesetzt werden. Das Wachstum ist zurückgegangen, die Inflation sehr hoch.“
Sanktionen: Kaum Kompensation durch „freundliche“ Länder
Ein Schwerpunkt der RBK/Opora-Befragung lag auf der Frage, ob befreundete Länder die Verluste durch westliche Sanktionen ausgleichen konnten. Das Ergebnis fällt eindeutig aus: 62% der Unternehmen verneinten dies. Lediglich 12% haben ihre Verluste ausgleichen können, während 26% keine klare Antwort gaben. Nur 33% der Befragten Unternehmen gaben an, in den vergangenen drei Jahren neue Märkte erschlossen zu haben.
Die Befragung der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer bestätigt die hohe Belastung durch die westlichen Sanktionen. 49% der deutschen Unternehmen berichteten, dass sie stark oder sehr stark betroffen seien. Knapp die Hälfte (46%) bezeichnete die Auswirkungen dagegen als gering, nur 4% gaben an, gar nicht betroffen zu sein.
Bei den finanziellen Folgen werden erhebliche Unterschiede sichtbar. Laut Kammer-Umfrage entstanden 81% der Unternehmen finanzielle Einbußen. 25% bezifferten Verluste zwischen 100.000 und 1 Mio. Euro, 20% zwischen 1 und 10 Mio. Euro, und 2% berichteten von Schäden über 1 Mrd. Euro.
Die Ergebnisse zeigen, dass selbst nach mehr als drei Jahren intensiver Anpassung befreundete Staaten die westlichen Märkte nicht ersetzen konnten. Unternehmen in Russland und deutsche Firmen vor Ort arbeiten zwar zunehmend mit alternativen Partnern zusammen, doch ein vollständiger Ausgleich gelang bisher nicht.
Deutsche Firmen reduzieren weniger Personal als russische
Die Frage nach Personalpolitik und Lieferketten verdeutlicht die Anpassungsprozesse innerhalb der russischen Wirtschaft. Laut RBK/Opora ist etwa jedes zweite Unternehmen von Kürzungen betroffen gewesen. 49% der Unternehmen mussten im vergangenen Jahr Personal abbauen, 51% verneinten dies.
Demgegenüber nahmen lediglich 14% der deutschen Firmen Entlassungen vor. Laut Kammer-Umfrage halten weitere 60% die Beschäftigtenzahl stabil halten, während 21% zusätzliche Einstellungen.
Lieferketten: Unternehmen reagieren auf Druck
Drastisch fallen die Veränderungen im Bereich Lieferketten aus: 90% der russischen Unternehmen gaben in der RBK/Opora-Umfrage an, im vergangenen Jahr neue Partner, Lieferanten oder Vertragspartner gesucht zu haben. Nur 10% sahen dazu keine Notwendigkeit.
Laut der Geschäftsklima-Umfrage der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer haben immerhin 35% der deutschen Firmen in Russland ihre Lieferketten seit 2022 nicht verändert. 15% hingegen mussten ihre Strukturen vollständig neu organisieren, während weitere 49% in unterschiedlichem Umfang Anpassungen vornahmen.
Der starke Rubel war für russische Firmen zumeist keine positive Nachricht: Nur 24% der befragten Firmen erklärten, dass der im Wert gestiegene Rubel sich positiv auf das Geschäft ausgewirkt habe.
Investitionsklima: Drei Viertel der Firmen planen keine neuen Projekte
Die Investitionsbereitschaft in Russland ist gering. In der Kammer-Umfrage erklärten 75% der Unternehmen, in den kommenden zwölf Monaten keine neuen Investitionen in Russland vorzusehen. Nur 25% signalisierten Investitionspläne.
In der RBK-Umfrage geben über 70% der Unternehmen an, dass es Probleme bei der Mitarbeitersuche gibt. Zudem erklärten 49%, dass sie im vergangenen Jahr die Mitarbeiterzahl reduziert haben.
Der Wirtschaftswissenschaftler Christian von Soest kommentiert den Arbeitskräftemangel in Russland im Kammer-Podcast so: „Wir sehen Anzeichen einer Überhitzung – Fachkräftemangel außerhalb der Rüstungsindustrie, während dort sehr hohe Einkommen gezahlt werden. Viele männliche Russen verpflichten sich entweder an der Front oder in der Rüstungsindustrie. Das schwächt andere Teile der Wirtschaft.“
ESG-Standards treten hinter Krisenmanagement zurück
Krisenzeiten sind keine ESG-Zeiten. Das gilt sowohl für Russland als auch für Deutschland. Wenn Unternehmen unter Druck stehen, verschieben sich die Prioritäten: weg von langfristigen Zielen wie Nachhaltigkeit, hin zu kurzfristiger Stabilität. Genau das zeigen die jüngsten Umfrageergebnisse von RBK und Opora Rossii. 71% der Befragten gaben an, dass ESG für ihr Unternehmen aktuell keine Rolle spielt.
Ein ähnliches Bild ergibt sich in Deutschland. Auch hier gilt: In Zeiten ökonomischer Unsicherheit werden ESG-Versprechen zurückgefahren oder zumindest vertagt. So kürzte die damalige Ampel-Bundesregierung 2023 im Rahmen der Haushaltsanpassungen den Klima- und Transformationsfonds (KTF) bis 2027 um 45 Mrd. Euro. Auf den Finanzmärkten zeigt sich ein vergleichbarer Trend: Erstmals seit Jahren verzeichneten nachhaltige Fonds globale Nettoabflüsse. Allein im ersten Quartal 2025 zogen Anleger 8,6 Mrd. US-Dollar aus ESG-Produkten ab, davon 1,2 Mrd. in Europa.
Darüber hinaus lockert die deutsche Finanzaufsicht BaFin die ESG-Regeln für kleinere Banken. Im Mai 2025 kündigte sie an, einzelne Anforderungen zur Bewertung von Umweltrisiken auszusetzen, um die Institute in einem schwierigen Umfeld zu entlasten.
Die Parallelen sind unübersehbar: In Russland wie in Deutschland verdrängen kurzfristige Risikominimierung, Finanzierungssicherheit und operative Stabilität das langfristige Ziel nachhaltiger Unternehmensführung. ESG bleibt zwar ein Thema für die Zukunft, doch in der Gegenwart gilt mehr denn je das Prinzip: Erst überleben, dann gestalten.
Wachstumsprognosen schmelzen
Laut dem Statistikamt Rosstat stieg das Bruttoinlandsprodukt im ersten Halbjahr 2025 gegenüber dem Vorjahr um 1,2%. Im ersten Quartal lag das Wachstum bei 1,4%, im zweiten bei 1,1%. Damit setzte sich die seit Anfang des Jahres zu beobachtende leichte Abwärtsbewegung der Dynamik fort.
Ein führendes russisches Konjunkturforschungsinstitut, das Moskauer Center for Macroeconomic Analysis and Short-term Forecasts (CMASF), veröffentlicht abweichende Ergebnisse. Nach seinen Berechnungen stagnierte das BIP im ersten Quartal 2025 auf dem Niveau des vierten Quartals 2024. Im zweiten Quartal sei lediglich ein marginaler Anstieg von 0,1% erzielt worden.
Die russische Zentralbank wiederum kommt in ihrem Bericht „Was die Trends sagen“ zu deutlich negativeren Einschätzungen. Dort wird für das erste Quartal ein Rückgang um 1% ausgewiesen, für das zweite Quartal ein Minus von 0,6%. In der Lesart der Zentralbank befindet sich die russische Wirtschaft damit bereits in einer „technischen Rezession“. Dmitrij Polewoj vom Investmentfonds Astra Asset Management kommentierte die Aussagen der Zentralbank wie folgt: „Die gestrigen Schätzungen der Zentralbank für das BIP im 1. Quartal 2025 implizieren, dass die Wirtschaft bereits in eine technische Rezession eingetreten ist. Bei einer solchen Dynamik wäre ein BIP-Wachstum von 1% im Jahr 2025 ein großer Erfolg, aber wir haben unsere Prognose von +0,6% seit Ende 2024 unverändert gelassen.“
Trotz dieser divergierenden Datenreihen bleibt der Konsens der meisten Experten bislang moderat optimistisch. In einer Ende August durchgeführten Umfrage der Zentralbank unter 33 Analysten erwartete keiner für 2025 eine Rezession. Die Prognosen reichten von +0,6% bis +2,0%, der Durchschnitt lag bei +1,2% – nur leicht unter den Ergebnissen der Juli-Umfrage (damals +1,4%). Damit wird nach wie vor ein Wachstum im Vergleich zu 2024 prognostiziert, auch wenn die Dynamik schwächer ausfällt als noch zu Jahresbeginn erhofft.
Die Zinsentwicklung bleibt ein entscheidender Faktor für die weitere Entwicklung. Unternehmerverbände wie der RSPP und prominente Stimmen wie German Gref fordern eine deutliche Senkung des Leitzinses in Richtung 10–12%. Alexander Schochin, Präsident des RSPP, bezeichnete eine Absenkung auf 16% als „notwendig“. Die Chefvolkswirtin der Alfa Bank, Natalia Orlova, rechnet jedoch nur mit einer Reduktion auf 15% bis Jahresende. Sie argumentiert, dass der Handlungsspielraum der Zentralbank begrenzt sei: Hohe Energiepreise, Arbeitskräftemangel und ein anhaltender Inflationsdruck sprächen gegen tiefere Zinssätze.
In der jüngsten Analystenumfrage der Zentralbank unter Banken, Forschungsinstituten und Finanzmedien wurden diie Schätzungen für die Inflation im Dezember 2025 leicht nach unten korrigiert – von 6,8% auf 6,4%. Für Ende 2026 bleibt die Prognose bei 4,7%. Parallel dazu senkten die Experten ihre Erwartungen für den durchschnittlichen Leitzins von 19,3% auf 19,0% für 2025 und von 13,8% auf 13,2% für 2026.